1.000 Jahre Sülfeld – Von Exorzismus, Rittern und Pelé

Wer weiß schon, dass ein Exorzismus mit der Ersterwähnung Sül­felds zusammenhängt – vor 1.000 Jahren? Und wer, dass es in Sülfeld einmal eine ­Wasserburg gab? Und dass der Brasilianische Fußballstar Pelé einem Sül­felder das Schienbein brach? Geschichten wie diese kamen zutage, als Lieselotte Grothe und Reinhard Arndt Material für eine Ortschronik zusammen­trugen. Und dabei selbst spannende Geschichten erlebten.

Bischof Thietmar von Merseburg ist es zu verdanken, dass man vor 1.000 Jahren erstmals von Sülfeld hörte. Oder besser: von Silivellun, wie er es nannte. Dieser Thietmar verfasste seinerseits eine Chronik, die bis heute als eine der wichtigsten Quellen für die Zeit der Ottonen gilt. Nicht nur politische, auch alltägliche Beobachtungen hielt er darin fest. Darunter eine Begebenheit, die er in der Nachbarschaft seiner Sommerresidenz in der Heßlinger St.-Annen-Kirche erlebte: Das Haus einer Frau war von einem Dämon, einem Poltergeist, besessen. Ein Priester wurde gerufen; der weihte das Haus, und der Dämon verschwand wieder. Der Name des Ortes: Silivellun, die Zeit: Dezember 1017. Zunächst gab es wissenschaftliche Diskussionen, um welchen Ort es dabei genau ging.

Doch Roman Dettmann, stellvertretender Ortsbürgermeister von Fallersleben-Sülfeld und an der Planung der 1.000-Jahr-Feier im August maßgeblich beteiligt, betont: „Längst hat sich die Meinung etabliert, dass damit Sülfeld gemeint ist.“

Mit dieser Begebenheit lassen Lieselotte Grothe und Reinhard Arndt die Sülfelder Chronik beginnen. Die beiden boten sich im Zuge der Planungen zur 1.000-Jahr-Feier wie selbstverständlich als Chronisten an: Arndt hatte schon die Festschrift zu 100 Jahren TSV erstellt, Grothe ist Mitglied im Heimatpflegerkreis Wolfsburg. Das Layout übernimmt – wie bei der TSV-Schrift – André Göhmann.

Rund zwei Jahre lang trugen sie Material zusammen, so umfangreich und stetig mehr werdend, dass sie ständig die Seitenzahl des Buches erhöhten – bei knapp 300 liegt die jetzt. Und so spannend sind die Geschichten, die sie erfuhren und erlebten, dass ein Gespräch mit ihnen vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt. Sie breiten Schriftstücke, Karten und Fotos aus und berichten sich gegenseitig von neuen Funden: „1998 fuhr der erste ICE in Richtung Wolfsburg mit Helmut Kohl und Rolf Schnellecke an Bord durch Sülfeld“, erzählt Grothe. „Die älteste Karte, die es von Sülfeld gibt, ist von 1622“, weiß Arndt.

Und das sind nur Details. Anderes ist kurios: Am 17. Januar 1954 etwa kippte eine Windhose den Turm der Kirche auf ihr eigenes Dach. Um Punkt 0.10 Uhr: „Das kann man deshalb festhalten, weil dann die Uhr stehenblieb“, verrät Grothe. Sie erinnert sich sogar noch selbst daran: Sie lebte direkt neben der Kirche und verfolgte als Vierjährige, wie das Gebäude erst zwei Jahre nach dem Unglück einen neuen Turm erhielt.

Ein umwälzendes Ereignis in der Geschichte Sülfelds war der sogenannte Verkopplungsprozess, eine Landreform, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts vielerorts stattfand. Dabei wurde das kleinteilige Ackerland neu unter den Bauern aufgeteilt. In Sülfeld betraf das auch einen Adelshof, und der war eine Besonderheit: Er gehörte einst dem Rittergeschlecht derer von Solvelde, das im 14. Jahrhundert ausstarb, und war eine Wasserburg, vom Sumpf umgeben, an der Straße Damm gelegen. 1805 sah sich der letzte Besitzer Santelmann dazu genötigt, den Hof und die Ländereien an die Bauernschaft zu verkaufen, die das Gut im Zuge des Verkopplungsprozesses zerteilte. Zu sehen ist davon nichts mehr: „Da stehen längst Wohnhäuser“, so Arndt. Auch der Gutshof der 1706 gegründeten Sülfelder Kornbrennerei liegt woanders.

Besonderes Interesse hat Arndt an der Geschichte des ehemaligen TSV-Spielers Willi Giesemann. Dessen Karriere bremste ausgerechnet Fußballstar Pelé, der ihn 1965 bei einem Testspiel gegen die Brasilien-Auswahl aus Frust foulte und ihm das Schienbein brach. Damals spielte Giesemann für den HSV, und so kamen auch mal prominente Kicker wie Uwe Seeler und Wolfgang Overath nach Sülfeld. „Zum Schlachteessen in den Gasthof meiner Eltern“, strahlt Grothe: „Und ich durfte bedienen!“

Die Chronik ist ein üppiges Kompendium geworden: Mit historischen Einträgen, etwa über die Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Bevölkerungszahl von 600 auf 900 anwachsen ließen (heute sind es 3.000). Mit wirtschaftlichen Details über wichtige Arbeitgeber wie die Kornbrennerei und den Geflügelhof Mohrmann, heute Residenz des Reitvereins Centaurus. Mit Exkursen über den Wandel der Infrastruktur mit dem Bau von Eisenbahn, Kanal und Schleuse. Mit Details zum Alter des Wappens (in Wolfsburg sind nur die von Fallersleben und Vorsfelde älter) und zum Standort einer längst nicht mehr existierenden Windmühle. Mit der Geschichte vom letzten Wolf Wolfsburgs, der 1824 in Sülfeld erlegt wurde, so Arndt: „Ob von einem Wilddieb oder einem Förster, ist offen.“

Ihre Informationen erhielten Grothe und Arndt aus vielen Quellen: Das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation gehört dazu, private Chroniken, Vereine, Kirche, Realgemeinde, Jagdgenossenschaft, ein früherer Katasteramts-Mitarbeiter, eigene Unterlagen, Zeitzeugen sowie Privatleute, die ihnen uralte Schriftstücke, historische Karten oder Fotos ausliehen. „Das war unheimlich spannend, Kontakt aufzunehmen“, sinniert Grothe.

„Es waren viele dabei, die man seit Jahren kennt, aber wenn man gemeinsam die Alben und Fotokisten sichtet, wächst man zusammen.“

MB

 

Streifzug durch die Sülfelder Geschichte

1017 – In der Chronik von Thietmar von Merseburg findet sich der erste Hinweis auf Sülfeld, damals Silivellun genannt

1527 – Die Reformation ist mit dem ersten evangelischen Pfarrer in Sülfeld angekommen

1706 – Der Offizier und Kornhändler Hans Lübbecke legt den Grundstein für eine Brennerei und Gastgeberei – der „Sülfeder Korn“ ist geboren

(c) Chronikteam

 

1822/23 – Der Winter ist so kalt, dass der Abendmahlswein während des Gottesdienstes gefriert

1954 – Im Januar stürzt der Kirchturm während eines Orkans auf das Kirchendach

(c) Chronikteam

 

1972 – Mit der Gebietsreform in Niedersachsen kommt Sülfeld zur Stadt Wolfsburg