5 Jahre Kulturloge Wolfsburg

Poetry Slam, Kinobesuche, Bundesligaspiel, Museumsrundgang, Jazzmatinee, Kabarettabend. Auch im reichen Wolfsburg steht zwischen diesen Veranstaltungen für viele Menschen kein „und“, sondern bestenfalls ein „oder“. Denn gesellschaftliche Teilhabe rückt in weite Ferne, wenn das Geld gerade so für Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf reicht. Ein Umstand, mit dem sich 31 kulturell interessierte und sozial engagierte Wolfsburger so nicht zufrieden geben wollten: am 27. September 2012 gründeten sie die Kulturloge Wolfsburg – und öffnen seitdem sozial benachteiligten Menschen eine Vielzahl an Türen zu zahlreichen kulturellen Veranstaltungen.

Die Arbeit des gemeinnützigen Vereins gleicht den Wolfsburger Tafeln; nur werden hier nicht überzählige Lebensmittel verteilt, sondern unverkauft gebliebene Eintrittskarten kostenlos an Bedürftige abgegeben. Der Begriff der Bedürftigkeit ist dabei keineswegs Pathos: „Es gibt nämlich nicht nur einen physischen Hunger, sondern auch einen Hunger nach Kultur und Teilhabe“, betont die erste Vorsitzende Elke Binder. Ihn zu stillen, das gelingt den Mitgliedern der Kulturloge mithilfe etlicher Partner aus Kultur, Sport und Unterhaltung: Unter anderem das Delphin Kino, das Planetarium, das phaeno, die Figurentheater Compagnie, der EHC Wolfsburg, die Jazz-Freunde, das Scharoun-Theater, das Hallenbad – Kultur am Schachtweg inklusive Galerietheater, das Badeland, das Italienische Kulturinstitut, das Seniorentheater der Volkshochschule und der VfL Wolfsburg spenden regelmäßig Tickets – übrigens immer im Doppelpack und teilweise sogar als Familienkarten, denn schließlich soll Kultur verbinden.

Verbindungen schafft die Kulturloge übrigens nicht nur für Hartz-IV-Empfänger, sondern auch für Alleinerziehende, Familien mit geringem Einkommen, Arbeitslose, Senioren mit kleinen Renten – und ganz besonders auch für psychisch Kranke in therapeutischen Wohngruppen. Sie alle müssen sich nicht als Bittsteller fühlen, sondern werden als Kulturgäste mit großer Wertschätzung behandelt, namentlich von Sabine Nestler und Angelika Eggerling: Die beiden Frauen sind die sympathischen Telefonstimmen der Kulturloge, sie sorgen dafür, dass die Karten schließlich an der Abendkasse hinterlegt werden: „So muss sich vor Ort niemand für seine Situation rechtfertigen“, betont der zweite Vorsitzende Ronald Sander. Denn auf Unterstützung angewiesen zu sein, das ist vielen Menschen unangenehm. Entsprechend viel Wert legt das Team auf Diskretion und Behutsamkeit. „Wir dürfen und wollen die sozialen und finanziellen Hintergründe unserer Kulturgäste nicht prüfen“, betont Binder. Stattdessen können sich Kulturinteressierte über Sozialverbände oder ähnliche Institutionen für die Kulturloge anmelden: etwa bei der AWO, der Caritas, der Diakonie, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, der Wolfsburger Tafel, der AIDS-Hilfe, dem Jobcenter, den hiesigen Kirchengemeinden, dem Betreuungsverein Wolfsburg oder bei allen staatlichen Einrichtungen vom Sozialamt. Die Partner haben die Flyer inklusive Anmeldung bei sich liegen und leiten diese ausgefüllt zur Registrierung an die Kulturloge weiter. „Die sozialen Einrichtungen kennen die Menschen, die zu ihnen kommen, am besten und können deren persönliche Situation gut einschätzen. Für uns ist es besonders wichtig, dass die Anmeldung möglichst unbürokratisch ist und respektvoll umgesetzt wird.“

„Anhand der Anmeldung und dem beigefügten Fragebogen können wir unseren Kulturgästen genau die Veranstaltungen anbieten, die ihnen Freude bereiten“, erklärt Kassenwartin Susanne Marcinnò. Und auf diesem Weg hat der Verein bereits gut 256 Kulturgäste für sein Angebot registriert; allein 2016 waren es mehr als 260 Kulturveranstaltungen, für die das Team Karten akquirieren und weitergeben konnte – das sind: 260 „Oders“ weniger.

YN