Auf der Suche nach dem Punkt

Ortstermin bei Walter Winter. Ich besuche den Künstler in seinem Atelier auf Burg Neuhaus und will wissen, wie der Entstehungsprozess eines Kunstwerks von der Idee bis zum fertigen Exponat bei ihm verläuft.

Walter Winter wurde schon vier Mal für den arti-Preis des Wolfsburger Kunstpreises nominiert. Dieser wird alle zwei Jahre ausgelobt, an dem nur in Wolfsburg ansässige Künstler teilnehmen können. „Ich fühle mich natürlich geehrt“, schmunzelt der knapp sechzigjährige Wolfsburger mit österreichischen Wurzeln, „vor allem, weil in der Jury jedes Mal andere Juroren sitzen.“ Das Thema des diesjährigen arti-Kunstpreises lautet „Auf den Punkt“. „Wie gehen Sie denn mental an solch eine Aufgabe heran?“, frage ich Winter, um das Thema etwas näher einzukreisen.
„Ich lasse mir immer viel Zeit bei der Planung eines Kunstwerks“, verrät der Autodidakt.

Die Idee muss reifen. Zuerst begann Walter Winter damit, sich dem Begriff „Punkt“ gedanklich zu nähern, sprich zu recherchieren. Was ist überhaupt ein Punkt und woher kommt das Wort? Wie ist der Punkt defi niert? Was sagen Nachschlagewerke? Der Punkt kommt von spätmittelhochdeutsch punct, punt aus dem Lateinischen punctum, punctus (eigentlich Spitze, pungere = stechen). Welche Redewendungen gibt es, die infrage kommen, künstlerisch in Szene gesetzt zu werden? Zum Beispiel: etwas auf den Punkt bringen oder auf die Spitze treiben. Welche signifi kanten Wörter lassen sich fi nden? Punktlandung, Schnittpunkt, Schwerpunkt oder der springende Punkt. Aus jedem einzelnen Wort ließe sich schon ein Objekt entwickeln, sagt W.W. mit seinem ansteckenden Lachen. Er sammelt die Wörter, durchpfl ügt Lexika, sucht nach Assoziationen – um dann wieder alles erst einmal sacken zu lassen.

Der nächste Schritt war für ihn die Frage, wer sich schon alles über den Punkt ausgelassen hat. Bei seiner Recherche stieß der gelernte Ingenieur auf Wassily Kandinsky, der sich mit der Geometrie von Punkt und Linie zu Bauhaus-Zeiten beschäftigte. Für ihn war der Punkt das Resultat des ersten Zusammenstoßes zwischen Werkzeug und Fläche. Bewegt sich der Punkt, ergibt sich eine Linie. Für Leonardo da Vinci bedeutete der Punkt der Anfang von der Wissenschaft der Malerei. Winters Entdeckerfreude lässt ihn also die unterschiedlichsten Texte durchdringen, er stößt Denkprozesse an, er probiert aus und verwirft wieder. Skizzen entstehen. Eine Zeichnung in seinem Ideenbuch zum Beispiel zeigt eine Spirale, die in einem Mittel-„Punkt“ endet.

Parallel dazu stöbert er in seinem Fundus, den er sich über Jahre aufgebaut hat, überlegt, was zum Thema passen könnte – umkreist physikalisch Gegenstände und mental Erinnerungen und Ideen zum Thema Punkt. Dies alles braucht Zeit, „Sachen müssen reifen“, resümiert Winter.

Für den arti-Preis hat er sich nun  entschieden, einen mannsgroßen Leuchtkasten ins Atelier zu schaff en und von da aus am Exponat weiterzuarbeiten. Mit dem Punkt ist er sich schon einig. Er wird ein Halbwesen sein: ein kleines Loch. Ist ein Loch denn auch ein Punkt? Ja, schon. Dort hindurch wird von hinten Licht hervorbrechen, es zeigt sich also ein Punkt aus einer anderen Materialität. Alles Weitere ergibt sich in seinem Atelier, im Kopf, auf dem Papier, in Gesprächen bei Spaziergängen.

Das Resultat des gedanklichen und schöpferischen Prozesses können sich die Besucher, falls Winter wieder nominiert wird, in der arti-Ausstellung ab dem 25. Mai ansehen. „Das Entscheidende ist für mich vor allen Dingen die Lust und der Spaß an der Kunst“, bringt der Privatier seine Motivation auf den Punkt.

 

BM