Blühende Fantasie

Willst du ein Leben lang glücklich sein, dann lege einen Garten an. Wenn dieses alte Sprichwort einen wahren Kern hat, dann bedeutet das für Jennifer Horwege und Nikolaus Schaknat viel Gutes. Weil sie die Kunst des Gartenbaus von der Pike auf erlernen. Ihre Ausbildung, finden die beiden, ist ein echter Glücksgriff.

© Sebastian Dorbrietz

 Jennifer Horwege erinnert sich gut an die Zeit, als ihre Ausbildung begann. Die Tage haben sich in ihrem Kopf eingebrannt. Man könnte auch sagen: in Rücken, Arme und Beine. „In den ersten vier Wochen hatte ich den Muskelkater meines Lebens“, sagt sie lachend. Gewaltige Säcke Erde schleppen und mit schweren Steinen hantieren war die 28-Jährige nicht gewohnt – ganz im Gegensatz zu heute. „Auch das ist das Tolle an meinem Beruf: Ich bin körperlich absolut fit.“

Gärtnerin der Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau: Das ist der Beruf, den Jennifer Horwege erlernt. Dahinter steckt viel mehr, als Blumen, Büsche und Bäume zu pflanzen. Garten- und Landschaftsbauer sind kreative, fantasievolle Köpfe. Sie gestalten nach Plänen von Landschaftsarchitekten private Hausgärten, öffentliche Parks und städtische Grünanlagen; sie bauen Terrassen und Teiche, Sport- und Spielplätze, pflegen die Landschaft und packen beim Natur- und Umweltschutz an. Kurzum: Jennifer Horwege hilft mit, dass unsere Welt schön grün ist und bleibt.

Ihr Ausbilder ist die Haltern und Kaufmann GmbH & Co. KG mit Stammsitz in Wolfsburg sowie Niederlassungen in Braunschweig und Meitzendorf bei Magdeburg. Mit mehr als 300 Mitarbeitern ist es im Bereich Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau das größte Unternehmen in der Region. Die Größe ihres Arbeitgebers und sein weiter Kundenkreis aus Privatleuten, Gemeinden und Unternehmen eröffnen den Garten- und Landschaftsbauern viele Möglichkeiten. „Wir können wirklich alle Tätigkeiten kennenlernen, die unser Beruf umfasst“, sagt Nikolaus Schaknat, der neben seiner Kollegin einer von mehr als 30 Auszubildenden bei Haltern und Kaufmann ist.

© Sebastian Dorbrietz

Jennifer Horwege und Nikolaus Schaknat genießen einen weiteren Luxus. Denn Haltern und Kaufmann leistet sich mit Florian Lau einen Mitarbeiter, der sich ausschließlich um den Werdegang der Azubis kümmert. Damit sie in ihrem Beruf mit jedem Tag besser werden, gibt der 42-Jährige ihnen Pläne an die Hand, nach denen sie kleine Gärtchen auf dem Unternehmensgelände bauen. „Wir nehmen uns die Zeit, gemeinsam zu lernen und Dinge auszuprobieren – ohne den Druck der Baustelle beim Kunden“, sagt Florian Lau. Dazu arbeiten sie mit Materialien wie Sand, Erde, Holz und Stein und neben einem ganzen Arsenal an Gartenpflegegeräten auch mit großen Maschinen wie Radlader und Minibagger.

Natürlich macht die Arbeit dann am meisten Spaß, wenn es um richtige Aufträge geht. Jennifer Horwege gefällt der Gartenbau am besten. Zu Beginn eines solchen Projekts, sagt sie, „ist nichts als Erde“. Dann nimmt der Garten Schritt für Schritt immer mehr Gestalt an, und in manch einem Fall wird sogar ein kleines Paradies daraus – mit Blumenbeeten, Bachlauf und Schwimmteich, mit Mauern, Treppen und Lichtspielen. „Wenn wir dann zum Schluss darauf blicken, was wir geschaffen haben, ist das ein richtig gutes Gefühl.“ Dass die Arbeit hier und da hart ist, dass sie Platten schneidet und Natur- und Betonstein verlegt, gefällt ihr.

Nicht nur Fitness, Ausdauer und Tatendrang zählen zu den Grundvoraussetzungen für den Job. Sondern auch die Bereitschaft, den ganzen Tag im Freien zu verbringen. Mit allen Unannehmlichkeiten. Nikolaus Schaknat: „Bei Regen zu arbeiten, macht nicht immer Spaß.“ Und mit allen Vorzügen: Zum Ende des Sommers ist er so knackig braun wie andere nur nach einem Karibikurlaub.

Zu seinen schönsten Arbeitserlebnissen zählt, dass er eine große, viele Jahrzehnte alte Eiche von Tot- und Bruchholz befreien und dem alten Baum neue Luft zum Atmen geben konnte. Dazu stieg er in einen Hubsteiger und fuhr mit dessen Arbeitsbühne gut gesichert zwanzig Meter hoch in den Schatten der Baumkrone.

„Mein Opa war Forstarbeiter, mit ihm bin ich viel unterwegs gewesen. Ich mag den Wald“, sagt der 35-Jährige. Um sich besondere praktische Fähigkeiten wie den Gehölzschnitt und den Umgang mit der Kettensäge anzueignen, besucht Nikolaus Schaknat überbetriebliche Lehrgänge. Er kann sich gut vorstellen, mit den Jahren zum ausgewiesenen Baumpflege-Fachmann heranzureifen.

Doch vorher steht noch die Abschlussprüfung an. Hier müssen beide zeigen, dass sie Baustellen vorbereiten und einrichten können. Dass sie in der Lage sind, zu planen und zu vermessen, zu bauen und zu pflanzen. Und sie müssen eine ganz besondere Herausforderung meistern – nämlich die Namen von ein paar hundert Pflanzen einwandfrei im Kopf haben. Die lateinischen Namen, wohlgemerkt.

Der Urweltmammutbaum? Heißt Metasequoia glyptostroboides. Und die Dreilappige Jungfernrebe? Parthenocissus tricuspidata. Nikolaus Schaknat sieht’s locker: Je wuchtiger das Wortungetüm, desto besser seine Gedächtnisleistung. Die schlimmsten Zungenbrecher, sagt er lachend, „behalte ich einfach am besten“.

boy