Das ist meine Stadt und mein Verein

IHR ENKEL WURDE SCHON IM KREISSSAAL ALS MITGLIED DES VFL WOLFBURG ANGEMELDET, SIE REIST SEIT JAHREN QUER DURCH EUROPA ZU AUSWÄRTSSPIELEN UND HAT SOGAR KÖRPERLICHE SCHMERZEN FÜR „IHREN“ VEREIN IN KAUF GENOMMEN: HEIKE SCHUBERT IST EINE DER TREUESTEN FANS DES BUNDESLIGISTEN UND HAT EINIGES ZU BERICHTEN.

Ein mit Erde und Schweiß verdrecktes Fußballtrikot dürfte nicht für jedermann Grund zur Freude sein. Für Heike Schubert ist es hingegen eines ihrer wertvollsten Besitztümer. Es zu waschen wäre ein Sakrileg. Die 51-Jährige ist großer Fan des VfL Wolfsburg und das Trikot gehörte einst Roy Präger, einem ihrer Lieblingsspieler. Schubert kommt ins Schwärmen, wenn sie davon erzählt, wie das Trikot in ihren Besitz kam: Der VfL spielte im Sommer 2003 im UI-Cup gegen den kroatischen Verein HNK Cibalia Vinkovci und Schubert stieg kurzerhand in ihren Passat und fuhr mit Töchterchen Marleen sowie ihren Freunden Axel Pawlitzki und Inge Krieger rund 1.400 Kilometer nach Kroatien. Über Nacht und in einem Rutsch. Dass sie nicht wussten, wo sie nach dem Spiel übernachten konnten, war kein Hinderungsgrund. „Damals gab es so etwas wie Google noch nicht, wo man sich etwas vorher hätte raussuchen können“, sagt Schubert. Vor Ort angekommen, brachte sie der VfL-Fanbeauftragte Holger Ballwanz im Hotel der Wolfsburger Kicker unter, wo sie auf Spieler, Trainer und Betreuer trafen. „Roy Präger hat gelacht und gesagt: Ihr seid doch bekloppt, dass ihr den weiten Weg gefahren seid“, erinnert sie sich. „Er meinte, das muss belohnt werden: Jeder von uns soll sich ein Trikot aussuchen, das wir nach dem Spiel bekommen. Und der damalige Trainer Jürgen Röber sagte, der VfL würde das Hotel für uns bezahlen und wir könnten essen und trinken, was wir wollen. Das war schon toll!“

Mittlerweile hängt das Präger-Trikot an der Wand ihres Arbeitszimmers. Im Wechsel mit einem anderen Trikot, das ihr ebenso viel bedeutet: Ein aktuelleres mit Unterschriften aller Spieler, das ihr Marcel Schäfer zu ihrem 50. Geburtstag schenkte. Wie ein Teenie habe sie gekreischt, als der VfL-Sportdirektor völlig unerwartet vor dem Dorfgemeinschaftshaus stand, erinnert sich Schubert, die mit vielen Spielern und Funktionären per Du ist. „Das Duzen kommt automatisch, wenn man wie ich so oft beim Training zugeguckt hat.“ Zumal Schubert seit vielen Jahren zu allen Auswärtsspielen mitkommt – sofern das mit ihrer Arbeit bei Volkswagen vereinbar ist. Sie versuche aber immer alles. So sei sie schon oft direkt von der Nachtschicht gleich weiter zu einem VfL-Spiel gereist. Auch richte sie ihren Urlaub auf den Spielplan des VfL aus: Wie zum Beispiel diesen Mai, als sie extra einen früheren Rückflug von Mallorca buchte, um beim Relegationsspiel gegen Holstein Kiel dabei zu sein. Netter Nebeneffekt der besuchten Auswärtsspiele: Schubert hat über die Jahre viel von Deutschland gesehen. Und von Europa.

Zwar versucht Schubert, wo es geht zu sparen. Beispielsweise bei den Flug-Buchungen oder indem sie ein Mal auf einer Bank im Flughafen übernachtet. Trotzdem ist so ein Fan-Dasein teuer. Schuberts 27-jährige Tochter Marleen, die schon in ihrer frühen Kindheit zum VfL ins Stadion mitgenommen wurde, weiß, was das heißt: „Als ich irgendwann endlich alt genug war, um mir eine eigene Dauerkarte zu kaufen sowie zu allen Auswärtsspielen zu fahren, habe ich dafür innerhalb von zwei Saisons mein Sparbuch mit 5.000 Euro leer geräumt.“ Auch die übrige Familie von Schubert ist verrückt nach Grün-Weiß. Der inzwischen siebenjährige Enkelsohn Tyler wurde noch im Kreißsaal als Mitglied beim VfL angemeldet und hat in seinem Zimmer eine große Zeichnung vom Vereinsmaskottchen Wölfi. Und klar, die noch kein Jahr alte Enkeltochter Lya ist ebenfalls Vereinsmitglied. Nur Schuberts Ehemann Thomas ist Schalke-04-Anhänger. „Sein Vater kommt aus Gelsenkirchen, da war nichts zu machen“, sagt Heike Schubert schmunzelnd.

Auch ihr eigener Vater nahm einen starken Einfluss: Er war es, der sie als Kind zum ersten Mal zu Spielen des VfL mitnahm. Bis sie mit 15 Jahren anfing, selbstständig ins Stadion im Elsterweg zu gehen. Irgendwann war aber zunächst anderes wichtiger: In die Disco gehen zum Beispiel und mit Anfang zwanzig, vor allem durch die Geburt der Tochter, das Familienleben. Als Marleen in der Saison 1994/95 schließlich groß genug war für den Gang ins Stadion, flammte die Fan-Liebe wieder auf – und brennt seitdem lichterloh. Es vergeht kein Tag, an dem sie sich nicht mittels diverser Medien über den VfL informiert. Und sogar auf der eigenen Haut hat sie „ihren“ Verein verewigt und sich das Wappen oberhalb des Knöchels tätowieren lassen – den Schmerz nahm sie gern in Kauf. Ein Leben ohne den VfL könnte sich die Vorsitzende des Fanklubs „The Wolfpack“ nicht vorstellen. „Das ist meine Stadt und mein Verein“, erklärt die gebürtige Wolfsburgerin ihre Fanliebe. „Hier kennt jeder jeden, alles ist sehr familiär, alle halten zusammen.“ Und so wird sie auch diese Saison wieder bei allen Heimspielen in der VW Arena stehen. Immer auf dem gleichen Platz, in Block 5 der Nordkurve. Inmitten vieler anderer treuer VfL-Fans.
TK