Der Traum vom Fliegen

WENN MAN MIT NICO BEHNKE ÜBER DAS SEGELFLIEGEN SPRICHT, ÜBER PERFEKTES FLUGWETTER, SEINEN TANZ MIT DEN VÖGELN UND GROSSE GEFÜHLE VON FREIHEIT UND ABENTEUER, DANN HEISST ES: ACHTUNG, ANSTECKUNGSGEFAHR. DENN MIT DEM FLIEGER-VIRUS, SAGT ER LACHEND, „IST MAN SCHNELL INFIZIERT“. NICO BEHNKE HAT SICH ANGESTECKT. DER 21-JÄHRIGE IST MITGLIED BEIM AERO-CLUB WOLFSBURG, DER ZWEI SPARTEN HAT: DIE ABTEILUNG MODELLFLUG, DIE AUF IHREM FLUGFELD IN SÜLFELD FERNGESTEUERTE FLUGZEUGE AUFSTEIGEN LÄSST. UND DIE SPARTE SEGELFLUG, ZU DER NEBEN NICO BEHNKE FÜNFZIG WEITERE FLUGSPORT-ENTHUSIASTEN ZÄHLEN. DIE JÜNGSTEN MITGLIEDER SIND GERADE MAL 14 JAHRE ALT, DIE ÄLTESTEN IN DEN SIEBZIGERN.

Jetzt, mitten in der Flugsaison, bieten die Wochenenden Gelegenheit, sie kennenzulernen. Auf dem Flugplatz Stüde, einen Steinwurf vom Bernsteinsee entfernt, versammeln sich frühmorgens knapp zwei Dutzend Segelflieger. Zumindest dann, wenn das richtige Flugwetter herrscht. Wenn also die Sonne vom Himmel scheint, sie den Boden aufwärmt und warme Luft nach oben steigt. „Das ist die Thermik, die wir zum Segelfliegen brauchen“, erklärt Nico Behnke. Ist der Aufwind kräftig genug, gibt es fast keine Grenzen. „Bei guten Flugbedingungen können wir 500 bis 600 Kilometer weit fliegen.“

Acht Segelflugzeuge beherbergt der Hangar des Aero-Clubs Wolfsburg. Um die Flugzeuge aus der Halle zu bewegen, Start und Landung zu ermöglichen und den Tower zu bedienen, wird jeder Mann und jede Frau gebraucht. „Das Segelfliegen ist ein absoluter Teamsport“, sagt Aero-Club-Mitglied Gianluca Möller. „Jeder von uns hat eine wichtige Aufgabe, für die er die Verantwortung trägt. Der eine muss dem anderen blind vertrauen können.“

Wie das Miteinander funktioniert, zeigt sich beim Windenstart. Der Segelflieger benötigt Helfer, die die Tragfläche anheben und das Seil unter dem Flugzeug einklinken; und den Windenfahrer, der sein Fahrzeug so lange beschleunigt, bis das Segelflugzeug vom Boden abhebt. Wenn es hoch genug fliegt, wird die Verbindung zum Seil gekappt – und das Flugzeug ist frei.

Der Blick ins Cockpit verrät: Hier gibt es Steuerknüppel, Höhenmesser und Variometer, Funk- und Kollisionswarngerät. Auf der Instrumententafel klebt ein gelbes Zettelchen und fasst zusammen, worauf der Segelflieger kurz vor seinem Start tunlichst achten sollte: dass er die Seitenruder kontrolliert hat; sich der Fallschirm auf seinem Rücken befindet; und die Haube über ihm  geschlossen und verriegelt ist.

Ist Segelfliegen ein schwieriges Hobby? Nein, meint Nico Behnke. „Das zeigt sich daran, dass man anders als beim Autofahren die Segelflugausbildung schon mit 14 Jahren beginnen kann.“ Und die Kosten? Seien nicht so hoch, wie die meisten annehmen würden, sagt er. „Inklusive Mitgliedschaft in unserem Verein kostet der Segelflugschein etwa 1.200 Euro. Für die Ausbildung braucht man in der Regel zwei Jahre.“ Am wichtigsten sei zu lernen, wie man sich richtig verhält, wenn man mit einem Mal in eine unerwartete Situation gerät. „Zum Beispiel dann, wenn beim Start plötzlich das Windenseil reißt. Das kann schon mal vorkommen.“

Nico Behnke erinnert sich gut an einen seiner ersten Flüge. Als er in Stüde abhebt und sein Flugzeug Richtung Elbe steuert. Und als er lange Zeit hart kämpfen muss, um den richtigen Aufwind zu finden und Höhe zu gewinnen – bis unverhofft ein paar bildschöne Schäfchenwölkchen vor ihm auftauchen. Jene Sorte, „die das Segelfl iegerherz höherschlagen lässt, weil sie kräftige Thermik verspricht“.

Meter um Meter klettert er nach oben, kreist gemeinsam mit Raubvögeln unter der Wolkendecke – bis die Welt unter ihm fast verschwunden ist und sich vor ihm eine neue auftut. „Fünfzig Kilometer weit kann man bei gutem Wetter gucken“, sagt Nico Behnke. „Man glaubt ja immer, jeden Stein zu kennen. Doch wenn ich im Flugzeug sitze, gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Es ist eine ganz andere Welt da oben.“

Dass auf dem Rückflug die Thermik fehlt und Nico Behnke so schnell sinkt, wie es ihn vorher nach oben getragen hat, dass er binnen Kurzem feststellen muss, es nicht bis zum Heimatflughafen zu schaffen und er gut hundert Kilometer entfernt auf einem abgelegenen Feld zur Landung gezwungen wird – das macht ihm nichts aus.

Auch diese Außenlandungen gehören zur Faszination Segelfliegen, sagt der stellvertretende Spartenleiter des Aero-Clubs. „Ein Segelflieger kann sich nie sicher sein, wo er landet. In den meisten Fällen ist das der Flugplatz, wo man gestartet ist, aber es kann genauso gut irgendein Acker sein.“ Bis das Rückholteam eintrifft, der Segler auf dem Hänger verstaut ist und es gemeinsam nach Hause geht, kommt keine Langeweile auf. „Es gibt immer Leute, die zu mir kommen und mich fragen, was ich denn hier machen würde. Das sind nette Gespräche.“ Wenn man Nico Behnke und Gianluca Möller fragt, was das Schönste am Segelfl iegen sei, dann antworten sie: „Die Freiheit.

“ Nach links fliegen? Oder doch nach rechts? „Wir können selbst entscheiden, wohin wir fliegen möchten. Und das ganz ohne Motor, absolut lautlos. Nur mit Hilfe der warmen Luft, die nach oben steigt.“

Ob es für sie einen besseren Sport als Segelfliegen geben könne? Auf keinen Fall. Nico Behnke sagt: „Einmal Flieger, immer Flieger.“

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SCHNUPPERFLIEGEN
Lust auf Höhenflüge? Der Aero-Club Wolfsburg bietet Jugendlichen, Studierenden und Auszubildenden (für 35 Euro) und Erwachsenen (55 Euro) vierwöchige Schnupperkurse an. Nicht nur,
um das Vereinsleben kennenlernen zu können, sondern auch, um ins Cockpit zu steigen: Sechs Starts mit dem Fluglehrer sind inklusive.

info@aeroclub-wolfsburg.de