Die Geschichte ist es wert, im Bewusstsein zu bleiben

SEIT 2006 GIBT ES IN WOLFSBURG DIE ARBEITSGEMEINSCHAFT HEIMATPFLEGE. SIE IST EIN ZUSAMMENSCHLUSS VON GESCHICHTSINTERESSIERTEN EINWOHNERN UND LEISTET EINEN WICHTIGEN BEITRAG ZUR ERFASSUNG UND DARSTELLUNG DES LOKALEN KULTURGUTS. MIT RUND 20 AKTIVEN MITSTREITERN KÜMMERT SICH STADTHEIMATPFLEGERIN MARIA SCHLELEIN GEGENWÄRTIG UM DIE GESCHICHTE WOLFSBURGS. WAS DIE HEIMATPFLEGER FÜR WOLFSBURG LEISTEN, ERFUHR „DEIN WOLFSBURG“ IN EINEM KURZWEILIGEN GESPRÄCH.

DEIN WOLFSBURG – Frau Schlelein, wie erklären Sie den Wolfsburgern, was die AG Heimatpflege ist?

In der AG Heimatpflege arbeiten wir daran, ein Bewusstsein für die historischen Grundlagen unserer Stadt mit ihren vielfältigen Wurzeln zu schaffen und zu vermitteln. Als wir 2006 begannen, war unser Ziel, dass in allen Ortschaften mindestens ein Heimatpfleger tätig ist. Bis auf Kästorf haben wir das geschafft. Dort würden wir uns noch über Unterstützung freuen.

DEIN WOLFSBURG – Wie muss man sich die Arbeit der Heimatpfleger vorstellen?

Unser Uranliegen war es, für die einzelnen Ortsteile Chroniken zu erstellen. Hier konnten wir in den vergangenen Jahren bereits viel erreichen und verschiedene Publikationen veröffentlichen. Mittlerweile widmen sich unsere Heimatpfleger auch zahlreichen Einzelfragen. So habe ich beispielsweise 300 Jahre alte Gerichtsprotokolle, die bisher unberührt waren, transkribiert. Aus diesen erfährt man dann unglaublich viel aus dem Alltagsleben der Menschen. Unsere Region zeichnete damals nämlich eine hohe Armut aus, viele litten Hunger, was oft in Streitigkeiten innerhalb der Gemeinschaften, mitunter sogar einzelner Familien, mündete. Vor den Gerichten wurde aber auch über Grenzverläufe gestritten, teilweise sogar innerhalb einzelner Dörfer und Höfe.
Ansonsten haben die Heimatpfleger viele Möglichkeiten, um ihr persönliches Interesse in die Forschungen einzubringen. Manch einer schaut verstärkt auf die Umwelt, andere skizzieren konkrete Entwicklungen der Stadtgeschichte. Die Eingemeindungen 1972 stellen dabei einen besonderen Einschnitt in der Wolfsburger Historie dar. Interessant sind für uns aktuell besonders die gegenwärtigen Ausgrabungen. Sie zeigen und belegen, dass wir hier auf eine lange (Siedlungs)-Geschichte blicken können. 2017 ist zudem auch die NS-Zeit verstärkt in den Fokus der Heimatpfleger gerückt. Hier sind die Aufarbeitung und ein würdiger Umgang mit dem Erbe sehr wichtig. Letztendlich gibt es in nahezu allen Bereichen noch viele Fragen, die gestellt werden können.

DEIN WOLFSBURG – Woher ziehen Sie ihre persönliche Motivation für Ihre ehrenamtliche Arbeit?

Ich stamme aus einer Familie mit einer langen Erzähltradition, meine Mutter erzählte Geschichten, die sie von ihrer Mutter kannte. Auch bei mir war früh die Neugier auf das Alte und Vergangene geweckt. In einer Truhe auf dem Dachboden unseres Hofes fand ich als junges Schulkind alte Dokumente, die ich jedoch nicht lesen konnte, weil sie in einer älteren Schreibschrift verfasst waren. Diese eignete ich mir dann nach und nach an und erfuhr so, was in den alten Schriften geschrieben stand, ohne es aber noch recht zu verstehen.
Nach meinem Studium der Volkswirtschaft in Freiburg kam ich 1968 nach Wolfsburg. Aufgrund meiner Arbeit, später wegen Familie und Ehrenämtern hatte ich allerdings kaum die Muße, meinem Hobby Geschichte nachzugehen. Erst danach fand ich die notwendige Zeit, mich diesem Thema zu widmen.

DEIN WOLFSBURG – Wo und wie kann man die Arbeit der Heimatpfleger erleben?

Um allen Interessierten einen Zugang zu unserer Arbeit zu ermöglichen, organisieren wir Ausstellungen, Seminare, Ausflüge und Vorträge. Wir beobachten Denkmal-, Natur- und Landschaftsschutz und geben Publikationen zum Nachlesen heraus. Die Vernetzung in der Region spielt bei alledem eine große Rolle. So ist unsere AG auch im Verein Braunschweigische Landschaft aktiv, denn Heimatpflege hört nicht an den heutigen Stadtgrenzen auf. Einen guten Überblick über unsere Tätigkeiten bietet ein Flyer, der im Rathaus und im Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS) ausliegt.

DEIN WOLFSBURG – Wie wird man eigentlich Heimatpfleger? Bedarf es einer besonderen Qualifikation?

Grundsätzlich kann jeder bei der AG Heimatpflege mitmachen und sich einbringen, vorausgesetzt werden nur Interesse und Zeit. Eine besondere Qualifikation benötigt man nicht. Das nötige Rüstzeug für die Heimatpflege – zum Beispiel wie man in Archiven recherchiert – kann man sich aneignen. Der Faktor Zeit ist allerdings nicht zu unterschätzen. Aktuell sind in Wolfsburg ca. 20 Heimatpfleger aktiv, die zwischen 60 und 80 Jahre alt sind. Berufstätige können – das habe ich ja selber erfahren – oft nicht genug Zeit aufbringen, um sich der Heimatpflege langfristig zu widmen. Dennoch ist natürlich jeder Wolfsburger gerne angesprochen, sich bei uns zu melden und in der Arbeitsgemeinschaft aktiv zu werden. Über neue Interessenten würden wir uns sehr freuen.

DEIN WOLFSBURG – Sie sind mittlerweile viele Jahre im Bereich der Heimatpflege aktiv. An was erinnern Sie sich besonders gerne und welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

Ein besonderes Projekt – weil auch mein erstes Großes – war die Erforschung meiner Heimat. Ich bin in den Kraxter Höfen im westfälischen Verl aufgewachsen, die auf eine fast 1000 jährige Geschichte zurückblicken. Ende der 1980er begann ich, mich in das Thema hineinzuarbeiten und umso tiefer ich einstieg, desto größer wurden die Fragen. Am Ende dauerte es rund zehn Jahre, bis ich das Buch „1.000 Jahre wie ein Tag“ veröffentlichte. Es beschreibt die Sorgen und Nöte der Menschen, sowie ihre Freuden und Streitereien untereinander im Laufe der Jahrhunderte – eine typische Alltagsgeschichte also. In der ersten Auflage wurden 500 Exemplare gedruckt, die übrigens schnell vergriffen waren (lacht).
Daneben sind viele weitere schöne Erinnerungen mit der Arbeit verbunden. Zum Beispiel die Erstellung der Brackstedter Chronik und mein Austausch mit einem kleinen Städtchen in den USA, deren Mitgründer Vorfahren meiner Familie waren. All das offenbart sich beim Blick in die Geschichte.
Heute freue ich mich über Entwicklungen, die unsere Arbeit erleichtert haben. Zum Beispiel die Kommunikationsmedien. Einige Heimatpfleger konnte ich zu Beginn nur postalisch erreichen, heute läuft viel über E-Mail, was deutlich bequemer ist. Auch die digitale Recherche in Archiven und die Möglichkeiten der optischen Gestaltung größerer und kleinerer Arbeiten sind mir und vielen von uns nicht mehr fremd.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass viele Menschen neugierig bleiben. Und Fragen stellen, warum die Dinge sind, wie sie sind. Aus Überzeugung sage ich, dass Geschichte nicht in Vergessenheit geraten sollte. Sie ist es wert, in unserem Bewusstsein lebendig zu bleiben.

Vielen Dank für das Gespräch.