Die stillen Helden der Weihnachtsmärchen

Hier muss jeder Handgriff sitzen. Sekundengenaue Taktung, ein Zusammenspiel für alle Sinne: Licht- und Tontechnik, farbenfrohe Kostüme und effektvolle Bühnenbilder. Für ein erfolgreiches Weihnachtsmärchen braucht es nicht nur gutes Schauspiel, auch Veranstaltungstechniker, Schneiderin, Tischler und viel weitere Akteure tragen dabei jede Menge Verantwortung. Wir haben die Vorbereitungen beobachtet.

Wenn das diesjährige Weihnachtsmärchen „Der gestiefelte Kater“ am 25.11.2016 um 10 Uhr im Theater Wolfsburg Premiere feiert, dann haben nicht nur die Schauspielerinnen und Schauspieler wochenlang akribisch geprobt: Auch jede Menge stille Helden sorgen hinter den Kulissen dafür, dass das Märchen ein voller Erfolg wird – vom Bühnenbildner über den Beleuchter, die Schneiderin, die Choreografin, den Dramaturgen bis hin zum Tontechniker übt Backstage jede und jeder seine Rolle hochkonzentriert und gewissenhaft aus. Rund 30 Menschen wirken hinter den Kulissen des Theaters Wolfsburg – ein festes, eingespieltes Team – die meisten sind schon seit vielen Jahren dabei.

Prinzessinnenkleid und Chili con Carne

Wie zum Beispiel die Schneiderin Christel Zelder. Sie ist bereits seit 31 Jahren für das Weihnachtsmärchen als Schneiderin im Einsatz. „1985 habe ich für den ‚Gestiefelten Kater‘ meine allerersten Theaterkostüme genäht. Und vermutlich wird es so sein, dass ich in diesem Jahr ebenfalls mit dem ‚Gestiefelten Kater‘ das letzte Mal ein Weihnachtsmärchen als Schneiderin begleite“, erzählt Christel Zelder. Die Rente steht im Raum. Ihre Kolleginnen und Kollegen werden sie vermissen: Schließlich hat es sich in den vergangenen Jahren als festes Ritual etabliert, einmal während der Weihnachtsmärchen-Spielzeit von Christel Zelder mit ihrer berühmten Chili con Carne bekocht zu werden und gemeinsam zu feiern. „Ich habe in der Adventszeit Geburtstag“, verrät die Schneiderin, „da ist es obligatorisch, dass ich die Kolleginnen und Kollegen einlade.“ Für das Weihnachtsmärchen Kostüme zu schneidern bereitet ihr eine ganz besondere Freude: „Die sind ja aufwändig mit viel Tüll und so farbenfroh. Ein Prinzessinnenkleid kann schon mal um die 1.000 Euro kosten, und es macht einfach Spaß, mit so viel Glitzer zu hantieren.“ Doch Christel Zelder ist nicht nur für das Anfertigen der Kostüme zuständig, sie sorgt auch bei der Aufführung dafür, dass die Kostüme zum Umziehen bereitliegen und unterstützt die Schauspieler dabei, in Sekundenschnelle die Kleidung zu wechseln. „Während des Stückes komme ich höchstens mal zehn Minuten dazu, mir eine Szene von hinten anzuschauen, eigentlich bin ich immer im Einsatz.“

© Sebastian Dorbrietz
Ein Bühnenbild, technisch raffiniert wie ein Animationsfilm

Auch den Veranstaltungstechnikern verlangt die Zeit der Aufführung höchste Konzentration ab. „Eine Faustregel unter uns Kulissenarbeitern besagt, dass der Umbau einer Bühnenszenerie unter einer halben Minute passieren muss, sonst fällt es dem Zuschauer auf. Das muss eigentlich wie von Zauberhand geschehen – eine schweißtreibende Arbeit“, erläutert Normen Sperber, der gemeinsam mit seinem Kollegen Björn Zeller Bühnenmeister für das Weihnachtsmärchen ist. Er kam im Jahr 2000 während seiner Abizeit eher zufällig zum Theater Wolfsburg – als Kulissenschieber. Früher als Kind hatte er selbst im Publikum gesessen, das Weihnachtsmärchen verfolgt und auch am obligatorischen Malwettbewerb teilgenommen. Als Normen schließlich die ersten Tage im Theater tätig war, wusste er: „Das ist mein Traumberuf, hier will ich bleiben.“ Seit zehn Jahren schon hat er mittlerweile einen Festvertrag – und findet jedes Jahr eine neue Herausforderung. Schließlich sind viele Kinderaugen bereits an die unglaublichen Effekte aus den 3D-Animationsfilmen im Kino gewöhnt. Da muss das Theater auch irgendwie mithalten. Besonders stolz ist Norman Sperber etwa auf einen technischen Kniff, den er mit seinen Kollegen für das Märchen „Die Schneekönigin“ entwickelt hatte: Mittels einer Hebebühne unterhalb des Kleids der Königin wuchs diese nach und nach und wurde durch das Zusammenwirken von Lichteffekten unterlegt mit Musik für die Kinder immer imposanter. „Man konnte in den Kinderaugen sehen, wie echt das auf sie gewirkt hat“, erinnert sich Sperber. Auf seine Kollegen von der Lichtgestaltung, der Bühnentechnik und dem Ton kann sich Normen Sperber dabei also voll verlassen.

Proben über Proben und eine Inspizienz

Bei so viel Personal wird klar: Da muss eine Koordination her, quasi ein „Souffleur“ für die Infrastruktur – und in der Tat: solch eine Position gibt es auch im Theater. Sie nennt sich Inspizienz. Im Theater Wolfsburg managt das Anja Riemann, die auch gleichzeitig für die Requisite zuständig ist. Logisch außerdem: Wo viel Maßarbeit ist, da muss auch viel geprobt werden, damit auch wirklich alles sitzt. Deshalb gibt es nicht nur Schauspielproben, sondern allerlei anderes: Stellproben, Technikproben, Lichtproben und vieles weitere mehr – bis schließlich in der großen Generalprobe alles zusammen läuft. Und wer weiß, vielleicht sitzt ja später während der Aufführungen im Publikum ganz gebannt ein Schüler oder eine Schülerin, deren Traumberuf sich später einmal hinter den Theaterkulissen findet – so wie bei Normen Sperber.

SRB