eCall – Wolfsburger Schüler klären auf

EIN NEUES NOTRUFSYSTEM MIT DEM NAMEN ECALL SOLL MEHR LEBEN VON UNFALLOPFERN RET TEN. DIE FEUERWEHR-LEITSTELLE WOLFSBURG-HELMSTEDT HAT DAFÜR PIONIERARBEIT GELEISTET. EBENSO WIE EINE GRUPPE VON WOLFSBURGER SCHÜLERN, DIE SICH MIT DEM PROBLEM BESCHÄFTIGTE, DASS NOCH ZU WENIGE MENSCHEN WISSEN, WIE ECALL FUNKTIONIERT.

Nach dem Willen der EU wird in alle neuen Pkw-Fahrzeugmodelle eCall installiert. Eine dramatische Szene kann helfen, das neue Notrufsystem und seine Vorzüge besser zu verstehen: Ein Vater holt seine elfjährige Tochter mit dem Auto von der Schule ab und bekommt auf einer einsamen Landstraße Atemnot. Er hält am Straßenrand und verliert noch hinterm Lenkrad sitzend das Bewusstein. Die Tochter fragt: „Papa, was ist denn?“ Keine Antwort. Daraufhin versucht sie, mit dem Handy des Vaters Hilfe zu rufen. Das ist aber ausgestellt. Das Mädchen sieht am Autohimmel eine rote Taste mit der Aufschrift „SOS“, drückt diese und löst damit eCall aus. Im Auto ertönt eine Stimme: „Wir wissen, wo du bist, die Rettungskräfte sind alarmiert. Sollte sich irgendetwas dramatisch verschlechtern, drücke wieder auf den Kopf, dann sprechen wir wieder miteinander.“ Diese Szene ist in einem Kurzfilm zu sehen, den eine Gruppe von 40 Schülern der Neuen Schule Wolfsburg unter der Leitung von Olaf Levin, Inhaber der Videoproduktionsfirma Wobstories, produziert hat. Der Kurzfilm ist Teil eines Schulprojekts mit dem Ziel, möglichst vielen Menschen eCall zu erklären. „Jedes Kind kann mit eCall zum Lebensretter werden“, sagt der für das Schulprojekt verantwortliche Lehrer Christian Werner. „Aber nur, wenn bekannt ist, dass es das gibt und wie es funktioniert.“

Eigentlich ist eCall schnell erklärt (siehe unten). Und weil einige Autobauer wie VW schon seit geraumer Zeit serienmäßig die nötige Technik in ihre Fahrzeuge einbauen, sollten allein dadurch immer mehr Menschen etwas vom neuen Notrufsystem erfahren: Der rote SOS-Knopf in einem Neuwagen ist schwer zu übersehen. Werner ist das nicht genug, er glaubt, dass es noch Aufklärungsbedarf gibt. Dieser Gedanke kam ihm das erste Mal vor drei Jahren auf einer Messe zur Elektromobilität, wo er mit seinen Schülern auf das Thema eCall stieß. Viel Forschung und technische Entwicklungen waren dabei zu sehen, aber offenbar hatte sich niemand der Aufgabe angenommen, eCall auch Normalbürgern zu erklären. Die von Werner angesprochenen Vertreter von Firmen, die sich mit der Technik von eCall beschäftigen, sagten lapidar: „Aufklärung ist nicht unsere Aufgabe. Aber machen Sie das doch.“ Und das tat Werner dann. Zusammen mit engagierten Schülern. Und mit Unterstützung von Firmen wie Oecon, die Werner und seinen Schülern eine Testnotrufzentrale zur Verfügung stellte, oder von der Firma Seneon, die dabei half, eCall-Sender und Crash-Sensoren in kleine Modellautos einzubauen. Denn einen Kurzfilm zur Erklärung von eCall zu drehen, war nicht die einzige Idee, die Werner und seine Schüler entwickelten: Sie bauten auch ein eCall-fähiges Modellauto, mit dem sie bereits hunderten Besuchern des Phaeno in Wolfsburg das Notfallsystem praxisnah veranschaulichten.

Unterstützung bekamen die Schüler zudem von der integrierten Notrufleitstelle Wolfsburg-Helmstedt, die als erste Leitstelle Deutschlands technisch für eCall umgerüstet wurde und Schulungen für Mitarbeiter durchführte. So konnte im Gebäude der Feuerwehr Wolfsburg ein Teil des Kurzfilms gedreht werden. Thomas Zhuber von Okròg von der Feuerwehr Wolfsburg ist voll des Lobes für das Schülerprojekt: „Aufklärung ist ganz wichtig. Optimal funktioniert eCall nur, wenn sich jeder damit auskennt und zum Beispiel nach einem Unfall im Auto bleibt – sofern er sich damit natürlich nicht gefährdet – und noch wichtige Fragen über die durch eCall aufgebaute Sprachverbindung zur Notrufleitstelle beantwortet.“ Das Potenzial von eCall ist groß: Die EU geht davon aus, dass durch das unmittelbare Auslösen von eCall bei einem Unfall und die Kenntnis vom genauen Unfallort die Reaktionszeit der Rettungskräfte um bis zu 50 Prozent reduziert wird. Jedes Jahr sollen so europaweit bis zu 2.500 Leben gerettet und die Schwere der Verletzungen bei Zehntausenden reduziert werden. Werner kennt diese Zahlen und hat auch deswegen mit seinen Schülern viel Zeit und Energie in das Thema eCall gesteckt. So produzierte die Schülergruppe nicht nur einen Kurzfilm zur Erklärung des Notrufsystems, sondern baute zudem die Homepage www.appgehts.info auf, wo der Film und weitere Infos zu eCall zu finden sind. Die Schöpfer der Homepage sind Johan Kolms und sein Mitschüler Tom Schmidt. Der 17-jährige Johan war einer derjenigen, die Werner bei dessen Bemühungen bestärkten, als diesem der Zeitaufwand zu viel zu werden drohte. „Die Schüler sagten mir: ‚Wir helfen Ihnen, wir retten damit doch Leben‘“, erinnert sich Werner, der mit seinen Schülern, dem eCall-fähigen Modellauto und dem Kurzfilm im vergangenen Jahr auf der Ideen-Expo in Hannover war und so weiteren Menschen das neue System näherbrachte. Lohn der vielen Arbeit sind zahlreiche positive Rückmeldungen. So übernahm der niedersächsische Wirtschaftsminister Olaf Lies die Schirmherrschaft für das eCall-Projekt seiner Schüler. Das freute auch Johan Kolms: „Bei der Ideen-Expo waren wir auf dem Stand von Volkswagen. Als dann der Minister Lies mit seinen vielen Sicherheitsleuten kam, haben die von VW ganz schön überrascht geguckt. Das war schon spannend, einem Minister zu begegnen.“

Johan und seine Mitschüler wollten aber noch mehr als über eCall informieren: Sie wollten wissen, ob eCall auch bei Notfallrettungsstandorten funktioniert, die beispielsweise in den Wäldern von Wolfsburg zu finden sind. Dafür nahm Johan mit Mitschülern Messungen zur Netzabdeckung bei ausgewählten Rettungspunkten in Wolfsburg, im Elm sowie im Harz vor. Das Ergebnis: In Wolfsburg funktioniert eCall bei den Rettungspunkten gut, im Elm und Harz waren die Werte an ein paar Stellen jedoch schlecht. „Da muss nachgebessert werden“, sagt Lehrer Werner. Schließlich könne ein optimal funktionierender eCall im Ernstfall über Leben oder Tod entscheiden.

 

DAS IST eCALL:

Die Abkürzung eCall steht für „emergency call“ und ist ein europaweites, satellitengestütztes, hauptsächlich fest im Fahrzeug installiertes Notrufsystem. Ab 31. März 2018 muss jedes neue Fahrzeugmodell (Pkw und leichte Nutzfahrzeuge) damit ausgestattet sein. Ziel ist es, den Zeitraum zwischen Unfall und Eintreffen der Rettungskräfte zu reduzieren. Dafür lösen eingebaute Crash-Sensoren bei einem Unfall automatisch einen Notruf aus und ein Minimaldatensatz wird an eine Notrufzentrale abgesetzt. Der Minimaldatensatz enthält unter anderem Unfallzeitpunkt, Koordinaten des Unfallorts, Fahrtrichtung (wichtig bei Unfällen auf Autobahnen) und Fahrzeug-ID. Optional ist die Übermittlung von Daten wie zum Beispiel die Zahl der Insassen oder ob sich das Fahrzeug überschlagen hat. Wahlweise kann eCall manuell im Auto aktiviert werden. Somit könnten auch Zeugen eines schweren Unfalls den Notruf in Gang setzen. Nach der Aktivierung wird eine Sprachverbindung zwischen Notrufzentrale und Unfallauto aufgebaut. Bei einem Unfall ist eCall kostenfrei für die Nutzer.

 

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