Ganz nah weit weg

Zwischen der Autobahn 39, Anschlussstelle Mörse, und dem Gewerbegebiet Heinenkamp. Weniger einladend kann eine Ortsbeschreibung nicht klingen. Doch genau dort, eben zwischen der Autobahn 39, Anschlussstelle Mörse, und dem Gewerbegebiet Heinenkamp, liegt ein kleines Paradies: die Hattorfer Teiche – idyllisch und inspirierend zugleich.

Schon kurz, nachdem man den geschotterten Parkplatz hinter sich gelassen hat und nach wenigen Metern auf dem Waldweg, der den Besucher hineinführt in diese verträumte Welt, ist der Verkehrslärm der Landstraße 294 vollends verebbt; abgelöst durch das stetige Rauschen, wenn der Wind durch die Baumwipfel streift. Rechts fällt der Blick auf eine kleine Lichtung, linker Hand ranken Brombeersträucher – ehe das Geäst zusehends dichter wird und sich erst wieder lichtet, um den Blick freizugeben auf das stille Wasser des Steffensteichs, des Kalensteichs und des Niemannsteichs.

Im äußersten Südwesten des Stadtforsts gelegen, verirren sich – besonders im Herbst und Winter – Spaziergänger nur manchmal, Radfahrer ganz selten und Jogger fast nie dorthin. Nahezu immer ist Platz auf den wenigen Bänken am nördlichen Ufer, von denen aus der Blick über mächtige, sich wiegende Schilfhalme und hunderte Seerosenblätter schweift. Der stille Zauber dieses Ortes verleiht Gedanken zarte Flügel, hält die Zeit in ihrem Lauf an – und wird bestenfalls vom fernen Ruf eines Uhus unterbrochen.

Wer die schweigende Stimmung der Einsamkeit nicht als Bedrängnis, sondern bisweilen als Freiraum empfindet, für den sind die Hattorfer Teiche ein Paradies. Alle anderen werden vielleicht sogar ein bisschen enttäuscht sein: Macht man sich auf den Weg, die Teiche zu umrunden, steht man alsbald vor einer großen Sperre aus Holz. Wer sie überklettert, um sich einen Pfad durchs Dickicht unterhalb der knorrigen Buchen zu bahnen, sinkt schon nach wenigen Schritten im sumpfigen Boden ein.

Und Schwimmen – nein, das wurde bloß einmal probiert, mit tödlichem Ausgang: Im Juni 1613 ertrank – elendig, wie es im örtlichen Kirchenbuch steht – der junge Hans Niemann beim Versuch, den später nach ihm benannten Fischteich zu durchqueren; einer von ursprünglich fünfen, die zur Zucht von Karpfen angelegt wurden – was man auch heute noch an der gut sichtbaren Deichkonstruktion am Steffensteich erkennt.

Ohnehin findet der, der die Augen offen hält, manch Schönes und Bemerkenswertes: gut und weithin Sichtbares wie die Granit-Findlinge, die während der Eiszeit auf Gletschern von Schweden bis ins östliche Niedersachsen wanderten; aber auch leicht zu Übersehenes wie ein hölzernes Eichhörnchen, das Spaziergänger von einem Brückengeländer aus mustert.

Die eigentliche Magie des Ortes aber entsteht durch das Reizlose. Sich darauf einzulassen, bedeutet tiefe Entspannung zu finden, neue Kraft zu gewinnen, inspirierende Momente zu erleben. Denn so nah die Hattorfer Teiche an Wolfsburgs automobiler Lebensader liegen, soweit sind sie zugleich von aller urbanen Wirklichkeit entfernt.

AK