Grenzgang und Geschichte

Robert Lebecks Werk ist Kunst und Chronik zugleich: Das zeigen das Kunstmuseum Wolfsburg und das Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation mit einem Blick ins Jahr 1968.

Es liegt eine wenngleich unsichtbare, so doch unüberwindbare Demarkationslinie zwischen den Werbetextern und den Literaten, den Grafikdesignern und den Kunstmalern: Denn wo die Kreativität bloß Gebrauchsgut ist, verliert sie ihre Flügel. Da liegt der Broterwerb wie Blei auf der Schaff enskraft. Da kann nichts Großes entstehen, nichts für die weißen Wände großer Ausstellungssäle. Dass das Kunstmuseum Wolfsburg dorthinein ausgerechnet die Werke eines Pressefotografen hängt, der sich in seiner Autobiografi e als Handwerker beschreibt, erscheint da umso sonderbarer. Bis man da war, in der noch bis zum 22. Juli laufenden Robert Lebeck-Retrospektive, und begreift: dieses OEuvre ist weit mehr als bloße Chronik.

Gut, ja, wenn eine Ausstellung das Jahr „1968“ im Namen trägt, dann kommt man natürlich um die Zeitgeschichte nicht herum. Ohnehin ist der Ausgangspunkt dieser Ausstellung zunächst schiere historische Referenz: In einer Ausgabe des „Spiegel“ entdeckt Alexander Kraus vom hiesigen Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation eine Wolfsburg-Aufnahme aus den späten 1960er-Jahren, aufgenommen von einem gewissen Robert Lebeck, zu jener Zeit Cheffotograf des „Stern“. Doch über den Inhalt, das Motiv hinaus fasziniert den Historiker auch die Ästhetik, die Komposition. Und so entsteht die Ausstellung in einer Kooperation, die dem Werk in seiner Gänze gerecht wird: Ralf Beil, Direktor des Kunstmuseums, und Alexander Kraus eröffnen – stellvertretend für ihre Institutionen – einen Zugang zu Leben und Wirken des  Bildjournalisten.

Dazu müssen die beiden Kuratoren kein ganzes Leben ausbreiten, nicht einmal eine Dekade. Ein einzelnes Jahr – zusammengefasst in 110 Fotografien, verteilt auf fünf Ausstellungsräume – genügt, um die Herausgehobenheit von Robert Lebecks Wirken gegenüber der gewöhnlichen Pressefotografi e zu zeigen: 1968 fotografiert er zwar an den Orten, an denen in diesem Jahr Geschichte geschrieben wird, dennoch ist er fast immer nie so richtig dabei. „Als in Paris die Barrikaden brannten, arbeitete ich in Florida an einer Serie über zwei ermordete Studentinnen; während Studenten vor dem Springer-Hochhaus demonstrierten, fotografi erte ich die Taufe von Hildegard Knefs Kind; und als die Russen in Prag einmarschierten, begleitete ich gerade den Papst nach Bogotá“, bemerkt er dazu lakonisch – und hält als persönliches Fazit ohne jegliche Larmoyanz fest: „Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt.“

Das mag aus Journalistensicht ein Unglück sein, für die Kunstwelt aber ist es ein Segen: Weil er nicht im Brennpunkt steht, hat er Zeit für die Geschichten neben der Geschichte, für die sorgsame Gestaltung des Motivs. Freilich, Robert Lebeck inszeniert die Wirklichkeit nicht, aber er findet stets Perspektiven, die präzise abbilden und zugleich ästhetisch faszinieren. Immer ist es erkennbar, dieses Gespür für den richtigen Moment: ob beim Besuch der Kinder-Kadetten einer amerikanischen Militärakademie in den USA, einer Serie über „Dicke Menschen beim Essen“, einer Human-touch-Story mit der Mörderin Gisela Kreutzmann oder während der Wolfsburg-Reportagen, für die er allein 1968 gleich drei Mal ins Zonenrandgebiet reist – einmal zur Beerdigung des Volkswagen-Vorstandsvorsitzenden Heinrich Nordhoff, dann zu einer bitterbösen Abrechnung des „Sterns“ unter dem Titel „Wehe, wenn der Käfer stirbt“ (als Textdokument ausgestellt) und zuletzt für einen Testbericht über den neuen 411er Volkswagen, den Kombi-Hoffnungsträger. Und auch wenn das Auto auf gleich zwei dieser Reisen Thema ist: Die Verneigung vor der Perfektion von Produkt und Produktion etwa eines Peter Keetmann vollzieht Robert Lebeck nicht. Spannend ist für ihn allein, den Mensch als Menschen zu zeigen, sei es beim fl üchtigen Schulterblick während des Dachhimmel-Einbaus am Volkswagen-Band oder als Gestalter seiner Natur in den Betonwaben der Detmeroder Reihenhaus-Bebauung. Als bloße Assistenzfi gur mag der Fotoreporter ihn dabei nicht akzeptieren: Das lustlose, fast dilettantische „Frau mit Fahrzeug“-Foto für die 411er-Bildstrecke off enbart zugleich sein Widerstreben gegen die Plattitüde, den künstlerischen Anspruch an das eigene Tun und den bewussten Grenzgang vom Gebrauchsfertigen zum Kunstwerk.

AK