GRÜNER, WILDER, REICHER

Eine Parklandschaft mit hübschen, abgesteckten Blumenbeeten und sauber gemähten Rasenflächen: So erlebten die Gäste bislang das Außengelände der Autostadt. Doch das wird sich ändern. Unter dem Motto „Autostadt goes wild“ werden zukünftig Blumenwiesen, duftende Kräutergärten und Kleingehölze die Besucher erfreuen – und einen Lebensraum für Insekten bieten.

Als die Autostadt vor 20 Jahren ihre Tore öffnete, war es vor allem die besondere Architektur, die die Besucher begeisterte. Und zwischen den Markenpavillons und den anderen Gebäuden lag eine künstlerisch gestaltete Parklandschaft mit Hügeln und gemähten Rasenflächen.
Schön anzusehen sei das, aber „in dieser Form nicht mehr zeitgemäß“, sagt Anne-Kathrin Winkler-Hanns heute. Sie verantwortet das Projekt „Autostadt goes wild“.

Hinter dem kurzen Namen verbirgt sich ein großer Anspruch: Mit dem Projekt soll das gesamte Außengelände der Autostadtein neues Gesicht erhalten. Die Lagunenlandschaft soll grüner, wilder und reichhaltiger werden – und gleichzeitig dazu beitragen, dass Volkswagen das selbstgesteckte Ziel erreicht, bis 2050 klimaneutral zu wirtschaften. Deswegen geht es in dem Projekt auch darum, den Einsatz von Energie, Wasser und Dünger zu reduzieren. Es sollen vielfälige, insektenfreundliche Lebensräume entstehen. Zugleich soll den Besuchern eine Vorstellung davon vermittelt werden, wie nachhaltige Grünfächen im urbanen Umfeld gestaltet werden können. Deren Schutz ist ein großes Anliegen von Volkswagen und der Autostadt.

Wer in den 1980er Jahren im Sommer mit dem Auto auf einer Landstraße oder Autobahn fuhr, der musste anschließend Windschutzscheibe und Scheinwerfer von unzähligen Insekten befreien. Heute reicht es, gelegentlich die Scheibenwischer zu betätigen, um die wenigen Tiere zu entfernen.
Das zeigt ganz konkret: Es gibt immer weniger Insekten. Viele der rund 30.000 in Deutschland lebenden Arten sind bereits bedroht. So ist etwa die Hälfte aller Wildbienen-Arten bereits in ihrem Bestand gefährdet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Monokulturen, die Versiegelung von Flächen, der Einsatz von Pestiziden und nicht zuletzt der Klimawandel machen den kleinen Tieren zu schaffen. Ohne Insekten aber gibt es keine Bestäubung von Nutz- und Wildpflanzen. Rund 90 Prozent aller Pflanzenarten weltweit sind davon abhängig, dass Bienen, Wespen, Schmetterlinge und andere Insekten ihre Pollen verbreiten. Gleichzeitig sind die kleinen Krabbeltiere die Hauptnahrung für etwa 60 Prozent unserer heimischen Vögel.

Ein erfolgreiches Bienenprojekt ist bereits im vergangenen Jahr in unmittelbarer Nachbarschaft der Autostadt gestartet: Auf der werkseigenen Renaturierungsfläche „Steimker Berg“ wurden Bienenvölker angesiedelt, die von dort in einem Radius von etwa drei Kilometern ausschwärmen,
um Nektar zu sammeln. Die erste Ernte konnte sich sehen lassen: 4.000 Gläser à 250 Gramm wurden mit dem „Volkswagen Honig“ gefüllt. Die Honigproduktion und die genutzten Flächen für das Projekt sollen nun weiter ausgebaut werden. „Mit der Ansiedlung der Bienen möchten wir
einen Beitrag zum Schutz heimischer Tiere und Pflanzen leisten“, sagt Ralf Kroschel, Leiter Gastronomie des Werkes Wolfsburg der Volkswagen Service Factory und Initiator des Projekts. In der Autostadt verbindet man Tierschutz mit einem Mehrwert für die Besucher. Weg von der primär an
ästhetischen Kategorien ausgerichteten Parklandschaft, wie Winkler-Hanns es nennt, hin zum urbanen Naturerlebnis, zu Sitzinseln auf Kräuterund Blumenwiesen, umgeben von summenden Bienen und bunten Schmetterlingen. Und damit blüht den Gästen ab diesem Frühjahr so einiges.
Den Anfang macht die Aussaat von insektenfreundlichen und vor allem bienenfreundlichen Pflanzen: Auf den Stufenlagen des Hügels vor dem Hotel The Ritz-Carlton, Wolfsburg, entsteht ein Insektengarten mit Wildblumen, Gräsern und Kleingehölzen wie zum Beispiel Schmetterlingsflieder.Und auch die geplante Wildhecke aus heimischen Knickpflanzen, die bald einen Teil der dortigen Buchenhecken ersetzt, wird die kleinen Sechsbeiner, aber auch viele Vögel anlocken.

Am sogenannten Walfischhügel unweit des Hotels werden in Zukunft duftende Kräuter wachsen – Albrecht Dürers berühmtes Gemälde „Das große Rasenstück“ steht hier Pate. Und wer demnächst die Augen über die kleinen Hügelkuppen des Parks streifen lässt, wird sich möglicherweise
im Auenland der Hobbits wähnen: Wie strubbelige Mützen sollen die Gräser und Blumen dort in den oberen Bereichen ihre Blätter und Blüten tragen dürfen. Gemäht wird nur noch in größeren zeitlichen Abständen. Vor allem die Kinder wird es in Zukunft wohl häufiger in einen ganz besonderen Abschnitt des neuen Parks ziehen: in den Naschgarten.
Verschiedene essbare Früchte werden nach der Idee der „Grünen Autostadt“ hier wachsen: Brombeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren – alles zum Selberpflücken und sofort im Munde zergehen Lassen.

Verspeist werden können auch die Wasserpflanzen, die bald schon im Turmbecken an der Parkstraße gedeihen sollen. Sie folgen dem Prinzip des „Urban Gardening“ – des urbanen Anbaus von Nutzpflanzen. Beispielsweise in Berlin oder Hamburg hat sich die Idee, öffentliche Flächen
zu Nutzgärten für alle zu machen, bereits etabliert. Die rheinland-pfälzische Stadt Andernach hat sich sogar gleich zur „Essbaren Stadt“ erklärt und nutzt brachliegende Baulücken als Anbauflächen für Möhren und Salat. In Wolfsburg werden geeignete Nutzpflanzen gemeinsam mit den Gastronomie-Experten vor Ort ausgewählt. Und so könnte in den Restaurants der Autostadt dann auch mal anstelle von Spinat selbst angebauter Schlangenknöterich auf der Speisekarte stehen, neben gedünstetem Bachnelkenwurz oder einem Salat aus der bienenfreundlichen Bach-Ehrenpreis Wildstaude. Und natürlich geht die grüne Offensive auch nicht an den Gebäuden der Autostadt vorbei.

Mit Fassadenbepflanzungen erhalten einige ein neues Kleid, soweit Material, Statik und Ausrichtung es zulassen.
Das verbessert ganz nebenbei das Mikroklima, steigert die Biodiversität und reduziert den Energiebedarf der Gebäude. Im 20. Jahr ihres Bestehens wird die Autostadt noch ökologischer, nachhaltiger und vielfältiger werden.
Das neue Gewand, es wird ihr gut stehen.

IO

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