Gutes Leben für mehrere Generationen

Inspiration und Kreativität entstehen durch Freiräume. Wenn Menschen erwartungsfrei machen (oder einfach mal alles sein lassen) dürfen, geschehen manchmal überraschende Dinge. Seit 2013 bietet die „Plantage 86“, ein ehemaliger Gärtnereibetrieb, in Hattorf solch einen Raum mit vielfältigem Programm für mehrere Generationen.

„Welche Angebote müsste es in Wolfsburg geben, am liebsten direkt in meinem Heimatort, damit ich wieder lieber hier mit meiner Familie lebe?“ Diese Ausgangsfrage stellte sich vor rund acht Jahren der damals 28-jährige gebürtige Hattorfer Tim Fahse, der für sein Studium der Sportwissenschaft seinen Lebensmittelpunkt nach Köln verlagert hatte. Tim Fahses Assoziationen dazu waren: Gemeinschaft statt anonyme Vereinzelung; mehrere Generationen unter einem Dach mit genügend Freiraum für jeden; Omas, die den Jüngeren das Marmeladekochen beibringen; Lese- und Bastelnachmittage für Jung und Alt; Platz zum Toben und Spielen für die Kleinen; Möglichkeiten zum Handwerkern. Summa summarum: Ein Gemeinschaftsraum, in dem sich jede und jeder entfalten kann, ein Raum zum Wachsen. Auch seine Mutter Gitti Fahse (62) konnte mit Tims Traum viel anfangen: „Wenn ich alt bin, dann möchte ich nicht allein zu Hause Trübsal blasen, sondern wünsche mir einen Begegnungsort, an dem ich etwas Sinnvolles für die Gemeinschaft beitragen kann.“

ORT ZUM WACHSEN: DIE PLANTAGE

Ein Wunsch, den wohl viele teilen, auch viele Freunde und Bekannte der Familie Fahse fanden die Idee gut. Aber wie umsetzen? Anstatt zu warten, ob irgendjemand einen solchen Raum schafft, oder Stadt und Behörden von der Sinnhaftigkeit des Vorhabens zu überzeugen, fanden die Fahses selbst einen: Nach einer Testphase mit gemeinsamen Kochaktionen in einem Jugendtreff sollte ein eigenes Haus her. Ein Wunschobjekt war schnell gefunden: Die Plantage, ein ehemaliger Gärtnereibetrieb, stand zum Verkauf. Ein Areal, wie geschaffen für das, was Tim und Gitti Fahse damals vorschwebte – ein geräumiges Haus mit großem Gemeinschaftsraum und vor allem: mit 6.000 Quadratmeter Garten, in dem sich schon der Vorbesitzer „ausgetobt“ hatte. Eine Art Biotop durfte wachsen und sich entfalten. Dahinter: nur Felder und Wiesen. Doch wie sollte ein kleiner Verein ohne Geld und Sicherheiten ein solches Projekt finanzieren? Unterstützt durch den emeinnützigen Verein Aktivea e.V. mit einem Architekten und Finanzierungsexperten war den Fahses klar: Ein sozialer Investor musste her. Jemand, der das Risiko eingehen würde, ein altes Haus zu kaufen und mit eigenem Risiko an einen „mittellosen“ Verein zu vermieten. Nach kurzem Überlegen setzte Gitti Fahse ihre Altersvorsorge ein, die Bank machte mit und Berndt und Gitti Fahse wurden Eigentümer. Als sich dann der gegründete Unterstützerverein 2013 auf der Mitgliederversammlung entschied, das Haus zu mieten, gab es kein Zurück mehr. Der „Traum-Raum zum Wachsen“ wurde mit der Plantage Realität: Ganz egal, ob Jung oder Alt, hier macht jede und jeder das, was er oder sie gerne mag, was ausprobiert und gelernt oder auch weitergegeben werden will – von der Vorbereitung des Generationen-Mittagessens, über Qi Gong und Stricknachmittage bis hin zu Singabenden, Gärtnern und Renovierungsarbeiten. Natürlich Ehrensache: Alles ehrenamtlich und gerne geteilt. Diese Möglichkeiten lockten viele Menschen an, weit über Hattorf hinaus: Der schon 2011 gegründete Verein „Plantage – Raum zum Wachsen“ fand rasch großen Zulauf und zählt mittlerweile über 350 Mitglieder. Auch andere Vereine und Organisationen nutzen die Plantage für Angebote und integrieren sich in die Aktionen – wie etwa der Wolfsburger Gesundheitssportverein; auch die Lebenshilfe ist regelmäßig zu Gast.

WAHLFAMILIE UND SPIELRAUM GEFUNDEN

Zu den Stammgästen der Plantage zählen auch André Leipe (32) mit seiner Frau Christin und den kleinen Kindern Alfred (2) und Frido (4). „Hier kommt man von Jung bis Alt zusammen, es ist völlig egal, wer Du bist. Hier bist Du einfach willkommen, völlig erwartungsfrei. Das mag ich an diesem Ort“, beschreibt André. Die Leipes finden es besonders gut, dass sie in der Plantage auch eine Art Wahlfamilie vorfinden. „Wir kommen ursprünglich aus Thüringen, die Großeltern sind also nicht in Reichweite. Und den älteren Menschen gefällt es auch gut, dass mit den Kindern hier viel Leben in der Bude ist. Die haben ja ihre Enkelkinder auch oft nicht in der Nachbarschaft.“

EIN WUNSCHGARTEN – UND NOCH MEHR MÖGLICHKEITEN

Christa Possiel (77) hat es vor allem der Garten angetan, um den sie sich intensiv kümmert. Sie hat sozusagen auch Heimvorteil, denn sie lebt in einer der fünf Wohnungen, die zum Plantage-Gelände gehören. „Diesen Garten hier versorgen zu dürfen, ist ein großes Geschenk für mich. Für unser Generationen-Mittagessen kann ich vieles direkt beisteuern“, sagt sie. Stolz führt sie durch „ihren Garten“ und deutet auf Kohlrabi und Kürbisse, die gerade gedeihen. In den Reihen dahinter wachsen die Himbeeren. Auch der Wunsch von einem Tomatenhaus wurde erhört: Das haben Peter und Holger, die ebenfalls regelmäßig in der Plantage zu Gast sind, für Christa gebaut. Weil sie Lust drauf hatten.

So ist die Plantage zum Möglichkeitsraum für viele geworden. Im vergangenen Jahr haben sich hier beispielsweise die Modelleisenbahner angesiedelt. Vielleicht entstehen in der Plantage auch bald ein Malort oder eine Hochbeetanlage? „Aber nur, wenn das jemand freiwillig und mit Freude in die Hand nimmt“, betont Tim Fahse: „Wir vom Verein bieten den Raum zum Wachsen – wir freuen uns über Menschen mit Ideen und Energie.“

SRB

© Sebastian Dorbrietz