Herr Cranach und die Currywurst

(c) Alexander Kales

Wenn mich das Schild am Restauranteingang darum bittet, nur das auf den Teller zu laden, was ich auch wirklich essen kann, dann halte ich mich daran. Mir ist egal, wenn andere Gäste mir mitleidige Blicke zuwerfen, weil ich das Prinzip Büffet nicht verstanden habe; weil ich nicht begreife, dass Gambas und Schokoladenküchlein ein so rares Gut sind, dass man es unbedingt noch auf dem Rinderragout, dem Eisbergsalat, den Spaghetti Bolognese aus der Kinderecke und dem Thunfisch-Steak von der Grillstation stapeln muss. Ich stehe dazu und bekenne hiermit: Regeln sind dazu da, dass man sie befolgt. Punkt.

Mit mir Minigolf zu spielen, ist daher ein unglaublich großer Spaß: Da wird grundsätzlich jeder Ballkontakt sorgsam beobachtet, jede Addition nachkontrolliert und die Berechtigung jedes Millimeters Ballabstand zum Bahnenrand zumindest nonverbal in Frage gestellt. Probeschläge sind mit mir nicht zu machen – und wenn die Kugel nach sechs Schlägen noch immer nicht im Loch ist, gibt’s eine gnadenlose Sieben; außer natürlich, wenn ich mit dem Schläger abgerutscht bin, die Sonne gerade doof blendet oder irgendwo ein Hund bellt. Da kann man dann schon mal zwei Augen zudrücken. Aber das sind ja dann auch höchst berechtigte Ausnahmen.

Unter diesen Vorzeichen zerbröselt die anfängliche Pärchen-Harmonie, mit der man in jede Minigolf-Partie einsteigt, schneller als ein Vier-Tonnen-Steinblock aus dem bayerischen Altmühltal, wenn man neun Frauen und Männer aus dem Vorsfelder Kulturverein „Zugabe“ mit Hammer, Meißel und Winkelschleifer daran lässt. Unter Aufsicht des Wolfsburger Bildhauers Rainer Scheer ließen sie eben jenen Stein in einem mehr als 200-stündigen Kunst-Work-Out gut 600 Kilogramm abspecken und brachten ihn als „Skulptur ohne Namen“ in eine beispielhaft präzise, höchst ästhetische Form. Oder um es mit Germany’s-Next-Topmodel-Juror Thomas Hajo zu sagen, der in Worte zu gießen vermag, was ich nur dumpf empfinde: „Der Body ist in super Shape!“

So wirkt die bildnerische Arbeit am Drömlingstadion in ihrer Schleifenform zunächst vertraut, fast schon gewöhnlich, offenbart auf den zweiten Blick jedoch zahlreiche bemerkenswerte Details und bezieht durch ein bewusstes Herausarbeiten von Konturenführungen künstlerische Raffinesse. Das ist der ästhetische Reiz; der andere ist die Herangehensweise: Hier wurde Kunst im Stadtbild nicht durch kleine Anfragen und große Ausschüsse legitimiert, sondern per Akklamation in den Kanon eingefügt. Und zuvor war nicht der eine Künstler am Werk, über den sich alle irgendwie weitgehend einig sind, dass er Künstler ist, sondern ein Kreativ-Kollektiv mit dem gesunden Maß aus Schöngeist und Zerstörungskraft, das jeder gute Bildhauer braucht.

Obwohl so etwas in der Kunstwelt kein Novum ist und auch kein Tabubruch: Lucas Cranach der Ältere etwa war zeitweise einer der reichsten Bürger Wittenbergs, weil er sein gutes Dutzend Gesellen wie am Fließband malen – und in Sauren-Gurken-Zeiten auch Zäune streichen – ließ. Der Stil eines „echten Cranach“ war standardisiert wie ein Fertigungsprozess im Volkswagen-Werk – und wie Golf und Tiguan wurde jede Arbeit aus einem definierten Repertoire an Motiv-Bauteilen in vorgegebenen Varianten zusammengesetzt. (Ob es in der Cranachschen Werkstatt mittags Currywurst gab, ist nicht überliefert.) Auch Leonardo da Vinci oder Rembrandt ließen gerne mal ihre Schüler machen. Vor allem Fleißarbeiten oder Spezialaufgaben wurden regelmäßig delegiert und auf einem Niveau bezahlt, das selbst „Irgendwas mit Medien“-Praktikanten in einer hippen Berlin-Mitte-Agentur #unanständig fänden.

Wobei die Mitglieder des Kulturverein Zugabe freilich nicht für einen neuen 911er Porsche Turbo oder den nächsten Saint-Barth-Urlaub von Rainer Scheer arbeiteten, sondern für ihre Mitbürger: Denn die fein geschlungene Skulptur aus gelbem Jura-Kalkstein hat zwar keinen Namen, wohl aber Bedeutung. Sie vereint das alte Vorsfelde mit seinem vergleichsweise jungen Südteil jenseits des Mittellandkanals, sozusagen den Ütschenpaul mit der Moorkämpe und das Obere Tor mit der Sudammsbreite.

Vor allem aber: Die Bildhauerarbeit verbindet Menschen. Sie ist ein Gemeinschaftsprojekt von der ersten Idee durch die Mitglieder des Kulturvereins über das Sponsoring durch Kunstfreunde bis hin zur Platzierung auf schwarzem Basaltsockel – übrigens vis-à-vis der Vorsfelder Minigolf-Anlage, auf der ich meine ersten Abschläge gemacht habe. Für sie hoffe ich, dass sie nicht in den Gravitationsstrudel der Liberalität gerät, den die „Skulptur ohne Namen“ emittiert.

Bei Kunst lasse ich zwar gern mal fünfe gerade sein. Beim Minigolf aber landen sie auf dem Punktezettel.

AK