Hinter den Kulissen der Volkswagen Arena

Es ist der 10. September 2016. Knapp 30.000 Besucher erleben bei höchst sommerlichen Temperaturen das Bundesligaspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und dem 1. FC Köln. Während die Fans die Stimmung genießen, funktioniert im Hintergrund ein eingespielter Personal-Apparat, um den reibungslosen Ablauf der Veranstaltung zu gewährleisten. Den Gesamtüberblick behalten muss Thomas Franke. Er ist Arena Manager beim VfL und an Spieltagen als Veranstaltungsleiter verantwortlich für das große Ganze. Wir haben Thomas Franke gegen die Rheinländer begleitet und konnten ein Bundesligaspiel mal aus einer anderen Perspektive erfahren.

Ein Stadionbesuch ist für viele Menschen noch etwas ganz Besonderes. Hier lässt sich Spitzensport auf eine sehr individuelle Weise erfahren. Es gibt keine TV-Wiederholung, keine Zeitlupe, man ist immer aufgefordert, das Spiel zu verfolgen. Zu groß ist die Sorge, etwas Spannendes zu verpassen. Andererseits gibt es im weiten Rund immer viel zu entdecken. Singende Fans, tolle Choreografien oder den neuen Flügelstürmer, der sich nur wenige Meter vor einem am Spielfeldrand gerade ausgiebig warmläuft. Genau für dieses einzigartige Erlebnis, bei der jeder Besucher das Geschehen mit einem anderen Fokus verfolgt, sorgen Thomas Franke und sein Team – und das kann sich sehen lassen.

„An Spieltagen haben wir weit über 1.000 Mitarbeiter im Einsatz, ohne deren nimmermüdes Engagement die Heimspiele nicht wie gewohnt funktionieren würden“, erläutert Franke. Darunter befinden sich unter anderem Ordner, Cateringkräfte, Hostessen, Sanitäter, Volunteers, Kassenpersonal, Reinigungskräfte, Merchandisingverkäufer und viele mehr. Um die alle zu koordinieren ist Thomas Franke am Spieltag stets über ein Headset mit der Leitstelle im Oberrang der Gegengerade verbunden. Bevor er hier kurz vor dem Anpfiff seinen Platz einnimmt, finden zahlreiche Vorgespräche und Rundgänge durch die Volkswagen Arena statt. Heute ist er ab 10 Uhr im Stadion, wo sich auch sein Büro befindet. Richtig los geht es gegen 11:15 Uhr. Dann trifft er sich mit den am Spieltag verantwortlichen Teamleitern zur finalen Spieltagsbesprechung. Routiniert bricht er mit dem Sicherheitsbeauftragten im Anschluss zum Stadionrundgang auf. Noch sind die Stadiontore geschlossen. Die letzte Chance also nochmal alles auf Funktionalität, Ordnung und Sauberkeit zu überprüfen.

Zwei Stunden vor dem Anpfiff ist es soweit – offizielle Stadionöffnung. Die ersten Zuschauer passieren die Drehkreuze. Für Thomas Franke ein wichtiger Moment, akribisch prüft er persönlich die Einlasssituationen und lässt sich über alle Vorgänge genau via Headset unterrichten. Der 41-Jährige ist bereits seit über 10 Jahren Arena Manager beim VfL und weiß, worauf er besonders zu achten hat: „An den Spieltagen haben wir organisatorisch viele wiederkehrende Abläufe. Dennoch müssen wir einiges immer individuell mit einbeziehen, wie den jeweiligen Gegner, das Wetter oder andere Gegebenheiten.“ Der erste Spieltag einer neuen Saison ist – wie heute gegen den 1. FC Köln – jedoch immer etwas Besonderes. „So manche Routine funktioniert nach langer Pause dann doch nicht mehr so, wie man sich das wünscht“, weiß Franke aus Erfahrung, „auch die neuen Mitarbeiter müssen sich natürlich erst einmal an die Abläufe gewöhnen.“ Die Vorgänge kennt der gebürtige Berliner mittlerweile aus dem Effeff, über 200 Spiele sind es in den letzten Jahren wohl gewesen, die er als Veranstaltungsleiter betreut hat. Insofern hat er auch die notwendige Besonnenheit, um sich persönlich auch den kleinsten Dingen zu widmen. Ob im Fangespräch in der Nordkurve oder bei Ticketfragen vor dem VIP-Bereich. Thomas Franke strahlt eine enorme Ruhe aus und kümmert sich um Fragen von Zuschauern und Mitarbeitern gleichermaßen.

Unterdessen füllt sich die Volkswagen Arena allmählich. Noch sind es 80 Minuten bis zum Anpfiff. Nach einer kurzen Begrüßung des Schiedsrichtergespanns in deren Kabine geht es für Thomas Franke – vorbei an zahlreichen Offiziellen und auch einigen gestandenen Bundesligaspielern – durch die Katakomben in Richtung Spielertunnel. Den Innenraum des Stadions hierdurch zu betreten ist ein atemberaubendes Gefühl – Schritt für Schritt wird das Stadioninnere sichtbar, ehe man am Ende direkt auf dem heiligen Rasen steht, großartig! Für Thomas Franke allerdings nur ein weiterer Teil seiner Runde. Auch am Spielfeldrand kennt ihn jeder und so begrüßt er fleißig TV-Teams, Ehrengäste, den Stadionsprecher und sogar die VfL-Profis, die es an diesem Nachmittag nicht in die erste Elf geschafft haben und sich auf der Bank aufhalten. Die Zahl der geschüttelten Hände dürfte sich zu diesem Zeitpunkt sicher schon jenseits der 100 bewegen.

Während neben mir Neuzugang Jakub Błaszczykowski fleißig Autogramme gibt, denkt Thomas Franke schon wieder zwei Schritte weiter. „Das Kurvengespräch 45 Minuten vor Spielbeginn ist fester Bestandteil meines Rundgangs“, erläutert Franke. Also bewegen wir uns zügig in den Bereich vor das Stadion, wo sich die Gästefans aus Köln aufhalten. Zusammen mit der Polizei, dem Sicherheitsbeauftragten, den Fanbeauftragen und Vertretern der jeweiligen Fanprojekte wird die aktuelle Lage geschildert. „Wir besprechen dabei, ob es Verzögerungen bei der Anreise gibt oder besondere Vorkommnisse aufgetreten sind. Die Einschätzungen und Empfehlungen aller Beteiligten sind eine wichtige Entscheidungsgrundlage für den weiteren Verlauf“, betont Franke, der im Anschluss nochmal in Richtung Heimfankurve geht. Wie viele Kilometer Fußweg bei ihm heute wohl zusammenkommen möchte ich wissen. „Ich bin im Marathon-Training“, lacht Franke. Das erklärt einiges.

Mittlerweile ist es 15 Uhr, das Stadion füllt sich immer schneller. Draußen laufen die Menschen manchmal zielstrebig zu den Eingängen, mitunter verweilen sie aber auch gemütlich und genießen das Flair. „Die Fanbewegungen stellen die größte Schwierigkeit dar, denn die kann man letztlich nicht planen und vorhersehen.“ Gegen Köln läuft aber alles wie geschmiert und Thomas Franke kann sich in Vorbereitung auf die Partie in die Leitstelle begeben. Von hier lässt sich das Stadioninnere bestens überblicken – und vor allem erstmal das Smartphone aufladen. Der Akku musste den zahlreichen Gesprächen an diesem Tag bereits Tribut zollen. Dann kommt der Moment auf den Thomas Franke und seine über 1.000 Mitarbeiter starke Mannschaft hingearbeitet haben: Der Anpfiff! Nach drei Minuten die erste Chance für den VfL. „Gómezzzzzzzzzzz…“ geht es Franke über die Lippen, als Mario Gómez knapp verzieht. Wenn es um den Fußball geht, ist er letztlich auch nur einer von 30.000.

AS