Hundertwasser, Hack und die Grenzen der Kreativität

Mein Studium in Lüneburg war eine einzige Tragödie. Sie begann in der Mensa: Weil die Umweltwissenschaftler*innen bio-vegan-vegetarisches Show-Cooking – before it was cool! – durchgesetzt hatten, reichte das Verpflegungsbudget für die Carnivoren bloß für das Nötigste. Es gab fünf Mal pro Woche Hackbraten: mit Zwiebeln, mit Kräutern, mit brauner Sauce, mit Oliven und ohne alles. Manchmal wurde der Braten auch zu einer Bolognese zermahlen, die das Zeug dazu hatte, das deutsch-italienische Verhältnis nachhaltig zu beschädigen. Vor allem aber war Lüneburg ewig weit weg: Man überholte zwei Stunden lang unentwegt Rübenlaster, und die Dörfer entlang der Landstraße waren mit Blitzern gespickt wie ein Mettigel mit Salzstangen – ja, ich habe seit damals ein Hack-Trauma.

Das vollendete Grauen war jedoch die Anreise mit der Bahn. Und Schuld daran trug (auch) Friedensreich Hundertwasser. Der hatte es bekanntlich mit Farben und Mustern, aber nicht so mit geraden Flächen. Das macht die Grüne Zitadelle in Magdeburg zur Touristenattraktion, den Bahnhof Uelzen jedoch zum potenziellen Hotspot für Oberschenkelhalsbrüche: Ergraute Kegelbrüder aus Immensen-Arpke und betagte Landfrauen aus Schönewörde stolperten damals regelmäßig über die Hundertwasser’schen Bodenwellen im Tunnel, der die Bahnsteige miteinander verband; Gleiswechsel, Zugverspätungen und Rollkoffer mit Eigenleben sorgten für zusätzliche Dramatik.

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Es gibt eben Bereiche, in denen allzu viel Kreativität schadet. Man stelle sich einen Fernseher vor, für den Thomas Mann die 876 Seiten lange Bedienungsanleitung geschrieben hat; oder einen Ballermann-Hit in lateinischer Sprache aus der Feder von Georg Friedrich Händel. Nein, wo schiere Praxistauglichkeit – also Verständlichkeit beziehungsweise Mitsingbarkeit unabhängig vom Alkoholspiegel – gefragt ist, ordnet sich die Form dem Nutzen unter. Doch in seltenen Fällen ist sogar eine ästhetisch-funktionale Gleichberechtigung möglich: wie beim Bodenkunstwerk von Daniel Buren im Wolfsburger Hauptbahnhof.

Dem*Der Durchreisenden erscheint die Arbeit als Leitsystem. Und tatsächlich kann man die Streifen als Pfeilsymbole auffassen, die den Weg durch die Station weisen. Bei genauem Hinschauen jedoch erhebt sich das Bodenkunstwerk über die – durchaus vorhandene – Nutzbarkeit. Seine Ästhetik entwickelt sich aus seinem klaren geometrischen Prinzip. Daniel Buren identifizierte dazu zunächst die Zahl fünf als größtes gemeinsames Vielfaches der 40 Meter breiten und, mit Tunnel, 65 Meter langen Bahnhofshalle. Aus ihr leitete der französische Künstler schließlich das Grundraster ab: So ist eine anthrazitfarbene Feinsteinzeugfliese immer 45 mal 45 Zentimeter groß, ein weißer Streifen stets neun Zentimeter breit – also genau ein Fünftel.

Mit diesem Wissen lassen sich die vermeintlichen Pfeile plötzlich als Begrenzung von auf den Kopf gestellten Quadraten begreifen. Und sie spielen mit dem Licht, das durch die Fensterfront des Bahnhofsgebäudes fällt. Gerade der starke Kontrast von Weiß und Anthrazit macht dieses Schattenspiel so reizvoll und verändert die Wahrnehmung des Hauptbahnhofs je nach Tageszeit. Das Bodenkunstwerk ordnet sich damit in eine recht junge Kunstform ein, die sogenannte site-specific art. Im Gegensatz zu konventionellen Skulpturen befinden sich diese Werke nicht dort, wo gerade Platz ist; sie sind spezifisch für einen Ort gemacht, in dem sie aufgehen und ihn zugleich transformieren.

Diese Transformation ist im Falle des Bodenkunstwerks nicht bloß räumlich zu verstehen. Daniel Burens Arbeit, die er 2005 fertig gestellt hat, ist Ausgangspunkt für einen weiteren Wandel: Der Wolfsburger Hauptbahnhof heißt inzwischen Kunst-Station, denn neben Zügen machen hier auch regelmäßig Kulturschaffende mit ihren Arbeiten halt. So beginnt jede Bahnreise mit einem Galeriebesuch – und mündet in ein Großraumabteil mit Mettbrötchen kauenden Mitreisenden.

Euer Alex

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