Im Interview mit Klaus Mohrs

Im Wohnmobil zum Auswärtsspiel

Zehn Jahre war Klaus Mohrs das Gesicht unserer Stadt. Nun hat er seinen Platz im Büro des Oberbürgermeisters gegen das Steuer im Wohnmobil eingetauscht. Im Interview verrät der 69-Jährige, ob das Amt ein Traumjob für ihn war und welche schönen und schlimmen Momente es für ihn bereithielt. Und Klaus Mohrs erzählt, worauf er sich im Ruhestand am meisten freut.

 

Herr Mohrs, am 1. Januar 2012 traten Sie das Amt des Oberbürgermeisters an. Was hätten Sie seinerzeit gerne gewusst, was Sie im Laufe Ihrer Amtszeit erst lernen mussten?

Damals hatte ich ja schon viele Jahre als Erster Stadtrat in der Stadtspitze gearbeitet. Deswegen gab es wenig, was mich so richtig überrascht hat. Als Oberbürgermeister habe ich allerdings erfahren, wie kompliziert Planungsprozesse in Deutschland insbesondere im Baubereich sind. Hätte ich das zu Beginn besser eingeschätzt, hätte ich vieles zügiger in Gang gesetzt. Ebenso schwierig ist es, in unserer Fußgängerzone die Dinge zu verändern. Die Entwicklungsideen der Stadt und die Interessen von Hausbesitzer*innen und Anwohner*innen laufen nicht zwingend konform.

 

Wie hat sich Wolfsburg in den fast zehn Jahren Ihrer Amtszeit verändert?

Wir sind deutlich internationaler geworden, daran hat zum einen der Volkswagen-Konzern seinen Anteil, zum anderen aber auch die Flüchtlingskrise. Durch den Bau von hochwertigen Hotels ist die Stadt attraktiver geworden, die Zahl der Tourist*innen hat sich kontinuierlich gesteigert. Mittlerweile haben wir auch ein moderneres Wohnungsangebot, nachdem es mehr als 20 Jahre fast keinen Geschossbau mit neuen Miet- und Eigentumswohnungen gegeben hatte. Ich glaube auch, dass die Fußgängerzone an Attraktivität gewonnen hat – wenn auch nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte.

 

Hat das Amt des Oberbürgermeisters Sie verändert?

Am meisten Spaß gemacht haben mir die Begegnungen mit den Menschen – sei es in den Stadtteilen bei der Veranstaltungsreihe „Mit Mohrs reden“ oder wenn ich persönlich von Bürger*innen auf der Straße angesprochen wurde. Ich habe im direkten Dialog erfahren, was den Menschen unter den Nägeln brennt, und ich bin jedes Mal mit neuen Erkenntnissen ins Rathaus zurückgefahren. Genau aus diesem Grund wollte ich auch, trotz früherer Anfragen, bewusst nicht in die Landespolitik gehen. Ich wollte immer in der Kommune arbeiten und den Menschen täglich vor Ort begegnen. Das ist mein Lebenselixier. Aber auch die Reisen zu den Partnerstädten haben mich geprägt und internationaler werden lassen.

 

2017 Tag der Niedersachsen
2017 Tag der Niedersachsen (c) Stadt Wolfsburg

Welche Reise hat Sie am meisten berührt?

Extrem eindrucksvoll war Sarajevo, eine immer noch zerrissene Stadt mit Einschusslöchern in den Wohnhäusern. In Toyohashi in Japan wiederum habe ich eine ganz andere Kultur kennenlernen dürfen. Dort habe ich mit den Menschen immer noch intensiven Kontakt. Genauso in Frankreich in Marignane, wo die Chemie von Anfang an super gepasst hat, und auch in Halberstadt. Manche werden sich gefragt haben: Wozu ist denn eine deutsche Partnerstadt überhaupt gut? Für mich war es sehr spannend, ganz nah die Entwicklung des zusammenwachsenden Deutschlands verfolgen zu dürfen.

 

Man hat viel Einfluss und kann Dinge verändern – so lesen sich attraktive Stellenbeschreibungen. Ist die Position des Oberbürgermeisters ein Traumjob für Sie gewesen?

Auf der einen Seite ja, weil ich vieles gestalten und kennenlernen durfte. Auf der anderen Seite verlangt das Amt auch viel. Die 70-Stunden-Wochen haben mein Privatleben stark beeinflusst. Es bleibt einfach sehr wenig Zeit für Familie und Freunde, man ist so gut wie immer und in den verschiedensten Situationen für die Menschen ansprechbar und kümmert sich. Aber das gehört für mich einfach dazu. Als meine Frau und ich kürzlich ein Resümee gezogen haben, waren wir uns einig: So war es aus unserer Sicht richtig, wir würden es wieder genauso machen. In Zukunft gibt es dann andere Prioritäten. Darauf freuen wir uns, aber wir blicken mit genauso viel Freude zurück auf die anspruchsvolle Zeit in diesem Amt.

 

Weswegen sind Sie überhaupt in die Lokalpolitik gegangen?

Meine Antriebsfeder für politisches Engagement war, jungen Menschen mehr und bessere Chancen einzuräumen. Deswegen habe ich zunächst in der Jugendarbeit begonnen und im Laufe der Jahre viel in die Wolfsburger Kitas und Schulen investiert. Überhaupt war es mir wichtig, den Familien politisch größeres Gewicht zu verleihen, um sie besser zu unterstützen. Deswegen habe ich damals mit einigen anderen erfolgreich für Ganztagsschulen gekämpft und bin überzeugt, dass diese Familienförderpolitik mit dazu beigetragen hat, dass heutzutage Familie und Beruf in Wolfsburg besonders gut in Einklang zu bringen sind.

 

Welche Sternstunden haben Sie erleben dürfen?

Als ich im Rat die Argumentation verfolgen durfte, warum auf dem Laagberg die KZ-Gedenkstätte errichtet werden solle. Gerade für unsere Stadt, die von den Nazis gegründet wurde, ist die Gedenkstättenarbeit eine besondere Aufgabe. Sternstunden waren auch nach vielem Hin und Her, für den Sonnenkamp in Nordsteimke Investoren zu gewinnen und durchzusetzen, im Klinikum ein neues Bettenhaus zu bauen. Da war ich mit mir zufrieden und auch mit meinen Teams, die mich all die Jahre begleitet haben und auf die ich mich immer verlassen konnte.

 

Wen meinen Sie?

Eine Person ragt heraus, und das ist Christina Grün, die mit mir durch dick und dünn gegangen ist und 31 Jahre lang in meinem Vorzimmer alles für mich geregelt hat. Wenn ich mich mal richtig über etwas geärgert habe, dann konnte ich es bei ihr vertrauensvoll loswerden.

 

Klaus Mohrs mit Christina Grün
Klaus Mohrs mit Christina Grün (c) Stadt Wolfsburg

Was waren einschneidende Erlebnisse im negativen Sinne?

Als uns im Frühjahr 2020 die Corona-Pandemie erreichte und wir noch keine Erkenntnisse oder Erfahrungswerte hatten, bin ich oft mit klopfendem Herzen und der Ungewissheit in den Krisenstabskeller gegangen, wie viele wohl an diesem Tag an oder mit dem Virus gestorben sind. Die Tragödie im Hanns-Lilje-Heim hat mich nachts nicht schlafen lassen. Auch Dieselgate war einschneidend. Ich erinnere mich noch genau, wie ich nach meinem Urlaub morgens zum Briefkasten gegangen bin, die Zeitung herausgeholt und erstmalig davon gelesen habe – ohne jede Vorwarnung. In dieser Sekunde wusste ich, was für finanzielle Auswirkungen das für die Stadt Wolfsburg haben wird.

 

Welche Schrecksekunde gab es noch?

Als an einem Donnerstagabend mein Kollege und damaliger Erster Stadtrat Werner Borcherding in mein Büro kam und sagte: „Aus dem Innenministerium heißt es, dass morgen 250 Flüchtlinge nach Wolfsburg kommen“. Das kam urplötzlich, wir hatten bis dato nichts geplant. Dass es uns dennoch gelang, alle menschenwürdig unterzubringen, ist eine große Leistung. Was die Integration angeht, sind wir als Stadt auf einem guten Weg, doch an einigen Stellen gibt es noch Verbesserungspotenzial. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Vielfalt und Diversität der Menschen eine Stärke unserer Stadt ist.

 

Werden Sie jetzt von der Bildfläche verschwinden? Oder sich weiter einmischen?

Einmischen werde ich mich definitiv nicht. Man wird mich weiter mit dem Fahrrad durch die Stadt fahren und am Samstag auf dem Markt sehen. Und natürlich wird man mich als absoluten Sportfan erleben – insbesondere beim Frauenfußball, Eishockey und bei den Männern des VfL. Ich bin auch gerne bei Lupo Martini, das ist ein besonderer Verein. Übrigens: Sternstunden waren auch die Champions-League-Siege der Frauen und der Pokalsieg der Männer in Berlin – und sehen zu dürfen, wie eine ganze Stadt begeistert feiert.

Was werden Sie im Ruhestand vermissen?

So manche Runde, zu der wir im Rathaus zusammengekommen sind, die Begegnungen mit Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen. Und die Dienstreisen in die Partnerstädte.

 

Was werden Sie in den kommenden Monaten machen?

Ich werde ohne vollen Terminkalender das Leben genießen und mehr verreisen. Meine Frau und ich haben uns ein Wohnmobil gekauft. Sicher werden wir mal zu einem Auswärtsspiel der VfL-Frauen fahren oder zwei Monate einfach weg sein. Meine Tochter hat sechs Kinder und mit ihnen nun öfter etwas zu unternehmen, ist mir eine große Freude.

boy

Ausgabe 14 (Winter 2021)

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