In der Unterwelt

Es müffelt. Nicht schlimm, aber es muffelt. Die Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, die stimmen werden von den dicken, düsteren Wänden verschluckt und die Füße treten in kleine Wasserpfützen. Ein bisschen unheimlich ist es. Zumindest dann, wenn man zum ersten Mal hier im Düker ist. Herzlich willkommen in der Unterwelt – am Arbeitsplatz von Burkhard Schlüter und Matthias Eichhorn.

An diesem dunklen Ort, ein paar Meter unter der Erde, kennen sich die beiden gut aus. Sie sind Kollegen bei den Wolfsburger Entwässerungsbetrieben (WEB) und häufig hier. Gesichert durch Seil, Gurt und Karabiner sind Burkhard Schlüter und Matthias Eichhorn kurz zuvor durch die enge Einstiegsöffnung geschlüpft und über eine Leiter in die Tiefe hinabgeklettert. Unten angekommen, starten sie die Mission für diesen Tag: ihren Kontrollgang durch den Düker der Stadt.

(c) Sebastian Dorbrietz

Düker? „Der Düker ist dazu da, den Mittellandkanal zu unterqueren“, erklärt Burkhard Schlüter. Sein Blick geht in den langen Tunnel – so weit der Schein der Taschenlampe reicht. Knapp dreihundert Meter schlängelt sich der Düker dahin. Von hier, dem Einstiegsloch am Maybachweg, wo bis vor wenigen Jahren das Unternehmen Naturstein Billen sein Gelände hatte, bis auf die andere Kanalseite zum Kreisel vor der Volkswagen Arena.

Matthias Eichhorn macht sich auf seinen Weg in den Bauch des Dükers. Gegen den Schmutz trägt er einen Schutzanzug und Handschuhe, für bessere Sicht eine Lampe an seinem Helm. Die WEB sind zuständig für die Abwasserentsorgung, und der Düker beherbergt zwei mächtige Leitungen aus Stahl, die schmutziges Wasser zum Klärwerk führen. Matthias Eichhorn ist hier, um die Rohre auf Lecks zu überprüfen. Um zu schauen, dass alles seine Richtigkeit hat.

Im Düker herrscht echter Luxus. Die Unterquerung des Mittellandkanals ist fast zwei Meter hoch und dreieinhalb Meter breit. Das ist viel Platz – viel mehr als in den anderen Kanälen, die sich unter der Stadt ihren Weg durch die Erde bahnen. Dort setzt die WEB Kamera- und Spülwagen ein, um ihren Zustand zu kontrollieren und sie zu säubern. Mehr als tausend Kilometer ist das Wolfsburger Kanalisationsnetz lang. Die Schachtabdeckungen – kurz: Gullydeckel – bieten Zugang zum Kanalsystem. Sie instand zu halten, zählt auch zu den Aufgaben von Burkhard Schlüter und Matthias Eichhorn. In der Stadt Wolfsburg gibt es sage und schreibe 22.000 davon. Unter den Deckeln finden die Mitarbeiter der WEB immer wieder Dinge, die da nicht hingehören – einmal so- gar eine Bettmatratze.

(c) Sebastian Dorbrietz

Auch das Abwasser wird zweckentfremdet. Hier landen nicht nur Fäkalien und Toilettenpapier, wie es sein soll. Sondern auch Kondome und Tampons oder Windeln und Wattestäbchen, die über die Toilette entsorgt werden. Und feuchtes Toilettenpapier, das sich nicht wie herkömmliches Papier nach Kontakt mit dem Abwasser in kurzer Zeit zersetzt.

Jeden Tag fischen die Rechen der Kläranlagen jede Menge Müll aus dem Abwasser. Abfall, der Rohre und Pumpen verklebt und verstopft, sodass sie Schaden nehmen. Wer mit Mitarbeitern der WEB spricht, vernimmt den Wunsch, dass sich die Menschen doch bitte mehr Gedanken machen sollten über die Kanalisation ihrer Stadt. Und wie sie mit ihr umgehen.

Markus Degener, Fachleiter in den Bereichen Gewässerunterhaltung und Kanalinspektion, sagt: „Auch wenn man vieles nicht sieht, weil es unter der Erde geschieht: Wir betreiben einen großen Aufwand, damit das Abwasser-system funktioniert. Jedem sollte bewusst sein, dass die Kanalisation für unsere Stadt einen hohen Wert hat.“

Im vergangenen Jahr strömten mehrere Millionen Kubikmeter Abwasser durch die Kanalrohre. Der Großteil des Schmutzwassers fließt auch durch den Düker und nimmt Kurs auf das Pumpwerk auf dem Betriebsgelände der WEB an der Oebisfelder Straße. Und landet im Hauptklärwerk Stahlberg, wo das Abwasser gereinigt wird. Es ist dann so sauber, dass es von Mai bis September zur Feldberegnung verwendet wird.

Auch im Düker ist die Lage heute bestens. „Alles in Ordnung“, sagt Matthias Eichhorn. Es geht zurück an die Oberfläche – ans Tageslicht

(c) Sebastian Dorbrietz

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