Julian Charriere_AndBeneathItAllFlowsLiquidFire_2019 (c)Julian Charriere_VG BildKunstBonnGermany, Foto: Jens Ziehe-scaled

Julian Charrière. Midnight Zone

Mitten hinein in die Stille des Ozeans

Das Spiel mit Licht und Dunkel­heit ist das erste, was mir beim Betreten der Ausstel­lung im Kunst­mu­seum Wolfsburg auffällt. Hier, in der Soloaus­stel­lung Julian Charrière. Midnight Zone, eröffnet sich eine Welt, die tiefer ist als jedes Meer und faszi­nie­render als ein gewöhn­li­cher Museumsbesuch.

Der franzö­sisch-schwei­ze­ri­sche Künstler Julian Charrière hat eine Ausstel­lung geschaffen, die nicht über Wasser spricht, sondern aus Wasser besteht. Die gezeigten Arbeiten verknüpfen Film, Instal­la­tion, Fotografie und Skulptur zu einem visuellen und körper­li­chen Erlebnis über jenes Element, das 70 % unseres Planeten ausmacht.

Eintau­chen in die „Midnight Zone“ (2024) – Licht als Wegweiser in die Tiefe

Im Zentrum der Schau steht das gleich­na­mige Werk „Midnight Zone“: ein 56-minütiger Video-Loop, der den Blick Stück für Stück in jene Tiefen des Pazifiks führt, in denen kein Tages­licht mehr existiert. Eine Fresnell­inse wird langsam ins Meer abgelassen. Das Licht dringt unter die Oberfläche, trifft auf Fisch­schwärme, driftende Organismen und schließ­lich auf die absolute Dunkel­heit der sogenannten Mitter­nachts­zone.

Bei einer Fresnell­inse handelt es sich um eine flache, leichte optische Linse, deren konzen­tri­sche Ringstruktur das Licht ähnlich stark bündelt wie eine deutlich dickere Linse.

Speziell für die Präsen­ta­tion im Kunst­mu­seum Wolfsburg wurde ein begeh­barer, oktogo­naler Glaspa­villon entwi­ckelt, der das filmische Geschehen in den realen Raum übersetzt. In seinem Zentrum steht die Fresnell­inse aus dem Video als skulp­tu­rales Objekt. Wie eine Laterne schwebt sie im Raum und sendet einen rotie­renden Licht­strahl aus, der sich durch die Ausstel­lung bewegt und sie rhyth­misch durch­zieht. Der Pavillon wird so zu einem immersiven Erfah­rungs­raum, in dem Bild, Archi­tektur und Körper­bezug inein­an­der­greifen und die Besuche­rinnen und Besucher selbst Teil dieser Licht­be­we­gung werden.

Man spürt förmlich, wie das Licht in der Tiefe zerstreut wird, während Klang und Bild eine Atmosphäre zwischen Erstaunen und konzen­trierter Stille erzeugen. Die Instal­la­tion ist nicht nur ein Fenster in ein unbekanntes Ökosystem, sondern eine poetische Reflexion über Wahrneh­mung, Techno­logie und die Fragi­lität mariner Lebensräume.

Albedo“ (2025) – Unter Wasser, unter Eis

Ein paar Schritte weiter führt „Albedo“ in die Welt des arkti­schen Ozeans. In dieser Filmar­beit taucht Charrière unter gewaltige Eisland­schaften, die in Zeitlupe und surrealer Ruhe über den Bildschirm gleiten. Das Schmelzen von Eis wird hier nicht als Katastrophe insze­niert, sondern als materi­elle Choreo­grafie, die uns unver­mit­telt mit einer Realität konfron­tiert, die längst begonnen hat.

In der Dunkel­heit des Raums beginnt der Raum zu atmen: Licht und Schatten auf bewegtem Wasser reflek­tieren sich auf der Haut der Betrach­tenden und lassen Schmelz­wasser, Eis und Meer zu einer einzigen, eindring­li­chen Erfahrung verschmelzen.

Frühere Arbeiten – „The Blue Fossil Entropic Stories III“ (2013)

Über den zentralen filmi­schen Achsen hängen frühere Arbeiten wie „The Blue Fossil Entropic Stories III“: Fotogra­fien, die die Spuren von Wasser als Archiv der Zeit sichtbar machen. Hier treten die Spuren von Leben und Vergehen neben­ein­ander – einge­fro­rene Momente, die zugleich alte Geschichten und poten­zi­elle Zukünfte ins Bild setzen.

Eintau­chen, ohne nass zu werden

Die Insze­nie­rung im Kunst­mu­seum Wolfsburg ist keine klassi­sche Bilder-an-der-Wand-Ausstel­lung. Sie arbeitet mit Raum, Licht, Klang und Bewegung. Der Gang durch die Halle wird dadurch zu einer körper­lich erfahr­baren Reise.

Die Ausstel­lung ist in Koope­ra­tion mit dem Museum Tinguely in Basel entstanden und wird in Wolfsburg in einer eigens entwi­ckelten Szeno­grafie präsen­tiert. In dieser räumli­chen Konzep­tion verschmelzen Klang, Bild und Archi­tektur zu einem dichten Erfah­rungs­raum, der die Bedeutung von Wasser, Ozeanen und der Arten­viel­falt in ihren Tiefen multi­sen­so­risch erlebbar macht.

Die Ausstel­lung ist ein Erfah­rungs­raum, der uns mit der physi­ka­li­schen, politi­schen und poeti­schen Realität unseres Planeten konfron­tiert und das nicht mit erhobenem Zeige­finger, sondern durch ästhe­ti­sche Präsenz. Hier wird Wasser nicht als passive Landschaft gezeigt, sondern als Protago­nist, Medium und Denkform.

Die Ausstel­lung ist vom 14.3. bis 12.7.2026 in Wolfsburg zu sehen.

Weiteres zur Ausstel­lung findest du hier: https://www.kunstmuseum.de/en/exhibition/julian-charriere-midnight-zone/

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