Kampf dem Plastikmüll

FÜNF BILLIONEN. ODER BESSER: 5.000.000.000.000. SO VIELE PLASTIKTÜTEN, SAGT DIE UMWELTBEHÖRDE DER VEREINTEN NATIONEN, NEHMEN WIR MENSCHEN JÄHRLICH ZUR HAND, UM DARIN DINGE ZU TRANSPORTIEREN, ZU SAMMELN, WEGZUSCHMEISSEN. DA STELLT SICH DIE FRAGE: WO BLEIBT DAS GANZE PLASTIKZEUGS EIGENTLICH, NACHDEM WIR ES GEBRAUCHT HABEN?

Die gute Nachricht ist: Die vielen Tüten liegen nirgendwo herum, wir müssen uns den riesigen Müllberg nicht jeden Tag anschauen. Die schlechte Nachricht ist: Genau das ist das Problem. „Große Mengen des Plastikmülls gelangen in die Ozeane – als winzige Kunststoff-Teilchen“, sagt Achim Schmiemann.

Achim Schmiemann ist Professor an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften und leitet das Institut für Recycling am Campus Wolfsburg. Der Kunststoff-Experte kennt besagte exorbitant hohe Zahl, die die Vereinten Nationen Mitte des Jahres verkündet haben. Und er weiß auch, dass im selben Bericht steht, wie viel Plastik wir bis zum heutigen Tag weltweit hergestellt haben: neun Milliarden Tonnen.

Gerade einmal ein Fünftel davon hat es in den Recyclingkreislauf oder in die Müllverbrennungsanlage geschafft – der große Teil des Plastikbergs ist immer noch da. Die Erde trägt buchstäblich eine gewaltige Last mit sich herum. „Was können wir gegen den Plastikmüll unternehmen? Das ist eine der großen Herausforderungen, die auf die Menschheit zukommt“, sagt Achim Schmiemann.

Im Prinzip ist Plastik ein Superprodukt: Das Material ist leicht, recht stabil und preiswert. Kunststoffe sorgen dafür, dass unsere Autos weniger wiegen, wir Sprit sparen und weniger Kohlendioxid in die Luft gerät. Nur: Bis Plastik sich vollständig zersetzt, vergehen viele Jahrzehnte.

Im Laufe der Zeit zerfällt er in immer kleiner werdende Partikel – auch der plastikbeschichtete Kaffeebecher, achtlos weggeworfen bei einem Spaziergang im Wald. „Er zerbröselt, vermischt sich mit dem Boden, wird weggeschwemmt, landet in Seen und Flüssen und schließlich im Meer“, erklärt Achim Schmiemann. Hier im Meer sind die kleinen Teilchen ein großes Problem: Weil sie sich den Weg bahnen in die Körper von Fischen, Garnelen und in Muscheln und schließlich in unsere Nahrungskette.

Klar ist: Für Meerestiere und Seevögel sind größere Plastikteile eine Gefahr. Sie unterliegen dem Irrtum, dass es sich um Nahrung handelt und verstopfen ihren Magen mit unverdaulichem Müll. Und welche Auswirkungen haben die Mikropartikel? Auf die Tiere – und auf uns Menschen?

Es ist gut möglich, dass die Teilchen von Verdauungsorgan zu Verdauungsorgan weitergegeben und schließlich ausgeschieden werden, ohne dem Körper zu schaden. „Die Forschung steht noch am Anfang“, sagt Achim Schmiemann. „Viele Fragen sind nicht geklärt – so auch die, in welchem Maße Plastikpartikel für uns auf lange Sicht gesundheitsgefährdend sind. Es gibt keine Langzeitstudien.“ Dazu kommt, dass auch die Verursacher des Problems nicht feststehen. Klar, der Verpackungsmüll ist Hauptbeschuldigter. Vor allem aus Afrika, Südamerika und Südostasien, wo in vielen Ländern dem Abfall keine Beachtung geschenkt wird, schwappt Plastik ins Meer. Doch es gibt weitere Verdächtige, etwa Mikroplastik in Kosmetika wie Zahnpasta, Gesichtscreme und Duschgel. Und auch die Kleidung, die wir beim Sport tragen: Sie besteht aus synthetischen Fasern, zum Beispiel Polyester. „Durch den Abrieb beim Reinigen in der Waschmaschine können Kunstfaserpartikel zuerst im Abwasser und später im Meer landen.“

Forscher wie Achim Schmiemann wollen Licht ins Dunkel bringen. „Auf meiner Liste steht ganz weit oben, die Gewässer in unserer Region zu untersuchen. An der Ostfalia ist die Analytik so gut, dass wir in Wasserproben auch kleinste Kunststoffteilchen nachweisen und den Verantwortlichen auf die Spur kommen können.“ Dann ist Beweismaterial vorhanden und der nächste Schritt kann folgen: Kunststoffpartikel aus Haarshampoos verbannen, für Waschmaschinen neue Vliesfilter entwickeln oder in Kläranlagen die Verfahren zur Abwasserreinigung verbessern.

„Es gibt viele gute Ideen“, sagt Achim Schmiemann. So arbeiten Forscher des Mainzer Max-Planck-Instituts für Polymerforschung an neuen Kunststoffen, die von Mikroorganismen auseinandergenommen werden können und biologisch abbaubar sind. „Wichtig ist, dass wir etwas tun. Als ich Student war, bedrohte der saure Regen die Umwelt – eine Problematik, die die Menschen lösen konnten. Jetzt haben wir wieder ein menschengemachtes Problem, um das wir uns unbedingt kümmern müssen.“

Die Wissenschaft bekommt die Situation in den Griff? Ja und nein, meint Achim Schmiemann. Die Forscher können eine wesentliche Rolle spielen, das schon. „Doch müssen wir dahin kommen, dass schon im Kindergarten wirklich jedes Kind weiß, wie man Müll richtig trennt und Plastikabfall recycelt; und dass wir auf viele Verpackungen auch gut verzichten können.“ Der Kampf gegen den Plastikmüll, meint er, „ist zuallererst eine Aufgabe der Gesellschaft“.

boy