Kolumne: Der Müller ist immer der Dumme

„Die großen Leute sind wirklich sehr, sehr sonderbar“, stellt der Kleine Prinz im gleichnamigen Roman von Antoine de Saint-Exupéry fest. Wie wahr das ist, fand ich Mitte der 1990er Jahre heraus, als ich meinen ersten Computer bekam. Er war unwesentlich schneller als heute ein Taschenrechner, sein Bildschirm wog gefühlte 200 Tonnen und das Betriebssystem, das MS-DOS hieß, konnte sagenhafte 16 Farben darstellen. Dennoch waren meine Freunde und ich fasziniert von dieser neuen Technik und den Computerspielewelten, die sie erzeugte. Fortan saßen wir im Sommer in abgedunkelten Räumen vor dem Monitor, bleichten zusehends aus, zerstörten unsere Augen und – nach Einschätzung unserer Eltern – auch unsere Seelen. Denn diese „Flimmerkisten“ steckten ja voller Mord und Totschlag!

Regelmäßig wurden wir dafür zur Rede gestellt. Wir, die wir Jahre zuvor noch mit dem „Struwwelpeter“ erzogen wurden, dem verstörenden Psychogramm eines Serienmörders in Bilderbuchform. Eine Mutter holt einen Schneider, damit er ihrem daumenlutschenden Sohn die Finger abschneidet? Und der macht das auch noch? Wenn wir das in der BILD-Zeitung lesen, fragen wir uns, was aus dieser Welt geworden ist, und irgendwer im Jugendamt vor Ort tritt zurück. Ohnehin sind viele der als solche verkauften „Kinderbücher“ (ja, in Anführungszeichen!) ziemlich starker Tobak. „Max und Moritz“ werden in einem Akt von Selbstjustiz ricke-racke in der örtlichen Mühle gemahlen, was auch im Hinblick auf die EG-Verordnung 852/2004 zur Lebensmittelhygiene eine höchst fragwürdige Entscheidung ist. „Krabat“ von Otfried Preußler ist ein ebenso morbider Schinken – und auch hier geht’s um eine Mühle.

Als hätten es die Müller nicht ohnehin schon schwer genug gehabt! Bis in die frühe Neuzeit hinein zählten sie zu den „unehrlichen“ Berufen; der deutsche Jurist Georg Paul Hönn verfasste 1721 gar ein Lexikon mit den 30 schlimmsten Betrugsmaschen der Zunft. Heute würde RTL vermutlich eine Rankingshow daraus machen und Robert Geiss etwas dazu sagen lassen, wodurch zumindest nach den Maßstäben des Privatfernsehens der Bildungsauftrag erfüllt ist. Zum Beispiel: „Da jibbt man viel Korn rein und kriegt wenisch Mehl raus. Dat is‘ wie mit dem Geld, das de Carmen für den Kosmettiker zahlt.“ (Denken Sie sich an dieser Stelle bitte noch ein „Roooo-berrrt!“ dazu.) Genau diesem Vorwurf sah sich die ganze Zunft ausgesetzt.

Auch der angestellte Müller Boimann stand berufsbedingt erst einmal unter Generalverdacht, als die Wassermühle in Sülfeld im September 1660 auf Staatskosten renoviert werden sollte: Der genannte
Preis von 19 Talern pro Mauerstein erschien dem Kämmerer zu hoch; obendrein vermutete man, Boimann würde Teile des Baumaterials weiterveräußern. Man bot ihm also an, die Geschicke der Mühle fortan als selbstständiger Pächter für 20 Taler im Jahr weiterzuführen, was dieser vehement ablehnte. Erst 40 Jahre später kam schließlich mit seinem Nach-Nachfolger, dem Müller Stute, ein Pachtvertrag zustande – und weitere rund 40 Jahre später hieß die Wassermühle offiziell Dammühle.

Zu dieser Zeit nämlich war zwischen Fallersleben und Sülfeld – eben dort, wo heute die Landesstraße 321 verläuft – die Brücke über die Mühlenriede fertiggestellt worden. Weil dafür auch der Straßendamm nördlich des Aueteichs aufgeschüttet worden war, wuchs dessen Pegel – und mit ihm die Bedeutung der gut 216 Quadratmeter großen, sieben Räume umfassenden Dammühle: Dank des Reservoirs drehten sich die beiden Wasserräder, die jeweils ein Mahlwerk antrieben, jetzt auch bei Trockenheit durchgehend. Für eine konstante Auslastung mussten die Bauern aus Ehmen, Mörse, Hattorf, Heiligendorf, Barnstorf und Sülfeld ihr Getreide dort per Dekret zu Mehl verarbeiten lassen.

Vielleicht würde die Dammühle auch heute noch mahlen, als museales Kleinod. Tatsächlich aber erinnert lediglich noch eine Steintafel an sie: Irgendwann zwischen Herbst 1859 und Frühling 1860 brannte das Gebäude aus Fachwerk, gedeckt mit Schilf oder Stroh, bis auf die Grundmauern nieder. Dieses Ende war eines mit Ansage: In den 1840er Jahren beschloss die Gemeinde Fallersleben, den bis dato auf stattliche 21 Hektar (etwas weniger als zwei Drittel der Fläche des Allersees) angewachsenen Aueteich trockenzulegen. In der Folge verschlechterte sich die Wasserversorgung der Dammühle zusehends; gerade im Sommer standen die Räder nun immer häufiger still.

Der damalige Müller Gemperle konstruierte schließlich eine Windturbine, die bei jeder Umdrehung so sehr schleifte und krächzte, dass die Nachbarn fest damit rechneten, die Mühle werde sich irgendwann einmal selbst entzünden. Und so kam es dann auch: In einer Sturmnacht geriet die Turbine in Brand, in Windeseile hatten die Flammen das Dach erfasst und die Lehmwände zwischen den Fachwerkbalken pulverisiert. Der Dorftratsch gab sich übrigens nicht mit höherer Gewalt zufrieden, sondern unterstellte Gemperle stattdessen niedere Absichten: Aus Geiz habe dieser das Mahlwerk nicht oft und ausreichend genug mit Rindertalg geschmiert.
Merke: Der Müller ist immer der Dumme!