Kulinarische Weihnachten mit der Familie

Gänsebraten, Entenbraten, Würstchen mit Kartoffelsalat, Bratapfel, Lachs, Hummer oder Karpfen. Wenn es um das Weihnachtsessen geht, landet bei den meisten ein typisches Gericht auf dem Teller – Tradition ist halt Tradition. In Wolfsburg leben allerdings auch viele Menschen und Familien, die aus anderen Ländern stammen und deshalb ganz andere Speisen zum Weihnachtsfest auf den Teller zaubern. Zusammen mit so manchem Brauch aus der Heimat werden die Feiertage dann jedes Jahr aufs Neue zu einem besonderen Erlebnis.

Wir waren in Wolfsburg unterwegs und haben drei Familien besucht, die uns einen Einblick in die mitgebrachte Küche gewährt haben. Die kulinarische Reise führt uns dabei vom Balkan aus nach Afghanistan und anschließend zur Südspitze Italiens – genauer gesagt nach Sizilien. Definitiv eine Reise mit reichlichen Gaumenfreuden. Vielleicht wird auf den folgenden Seiten ja auch Ihr Geschmack getroffen. Guten Appetit und Frohe Weihnachten.

 

Serbische Weihnachten

An Weihnachten haben Männer nichts in der Küche zu suchen. Sagt Diana Durdic. Die Männer bereiten vielmehr das Fleisch vor – das heißt, sie stecken ein Lamm oder ein Schwein auf einen Spieß und grillen das Tier. So ist es Tradition in Serbien.

Diana und Mladen Durdic pflegen diese und andere Traditionen auch in Wolfsburg. Das beginnt schon damit, dass die orthodoxen Christen am 6. Januar den Heiligen Tag begehen und am 7. Januar den ersten Weihnachtstag. Was genau wann unter welchen Voraussetzungen passiert – all das ist genau geregelt. „Am Weihnachtstag wird nur gefeiert und am Heiligen Tag alles gekocht“, fasst Diana Durdic das Geschehen zusammen.

Mit einer Ausnahme: Jedes Jahr am 7. Januar steht die Hausfrau in aller Frühe auf und backt, noch bevor die Sonne aufgeht, das Brot nach einem überlieferten Rezept. Grundlage dafür ist ein Hefeteig, der ausgerollt wird, mit Schmalz bestrichen, zusammengeschlagen und wieder ausgerollt. Diesen Vorgang wiederholt Diana – nach alter Sitte – mehrmals. „Ich hoffe, dass Helena diese Tradition fortführt“, sagt Diana mit Blick auf die mit neun Jahren jüngste Frau im Haus, während sie den Teig mit dem Nudelholz bearbeitet. 14 Jahre war Diana alt, als sie das Weihnachtsbrot erstmals gebacken hat.

Später taucht man Stücke des frisch gebackenen Brots, in dem übrigens eine Münze, eine Bohne und ein Stückchen Holz eingebacken sind, in eine verflüssigte Mischung aus Honig und Schmalz. Diese Mischung muss klar sein, damit man sich darin spiegeln kann. „Wenn man sich sehen kann, ist das ein gutes Omen“, sagt Diana Durdic. Der Glückliche, der die Münze im Brot findet, kann übrigens für das kommende Jahr mit Wohlstand rechnen.

Während die Frauen und Kinder in der Küche weitere Köstlichkeiten wie beispielsweise Kokoskuchen, Grießklößchen-Suppe und Kohlrouladen aus Sauerkohl zaubern, gehen die Männer in den Wald und besorgen den traditionellen Baum. Als Badnjak, den serbischen Weihnachtsbaum, dienen Eichenzweige, die auch zum Schmuck des Hauses verwendet werden.

Um das gegrillte Tier, das noch am Abend des Heiligen Tages ins Haus gebracht wird, rankt sich ein weiteres Ritual. „Die Ältesten können im vorderen Schulterblatt die Zukunft lesen“, sagt Mladen Durdic. Der Älteste, das ist in diesem Fall Mladens Vater, der regelmäßig an Weihnachten aus Bosnien zu Besuch kommt.

Eine besondere Aufgabe kommt auch Dianas elfjährigen Lieblingsneffen Damjan zu. Sein Job ist es, am Morgen des Weihnachtstages zum Haus der Durdics zu kommen, damit die Familie aus dem Haus treten darf. Schon vor dem Frühstück, das zwischen 9 und 10 Uhr beginnt, räuchert der fünfjährige Nikola Durdic das Haus mit Weihrauch. Denn Nikola ist nach dem Schutzpatron des Hauses, dem heiligen Nikolaus, benannt. Danach brennt man dünne Kerzen an und das Fest nimmt seinen Lauf.

Schon zum Frühstück kommen alle am Vortag zubereiteten Speisen auf den Tisch. Im Laufe des Tages kommen Familie und Freunde, um gemeinsam zu essen und zu feiern. Das geht so bis in die Nacht. Die letzten, die von der Festtafel speisen, sind übrigens die Engel. Für sie wird, wenn die letzten Gäste gegangen sind, ein Gedeck und etwas zum Essen stehen gelassen.

„Zuhause feiert man drei Tage Weihnachten. Ich habe es immer geliebt, an Weihnachten in Bosnien zu sein. Da wird ganz viel gesungen und getrunken“, lacht Diana Durdic, die eigentlich aus Slowenien stammt. Doch dort sind die Weihnachtsbräuche ganz ähnlich.

 

Dreimal Weihnachten – eine Teigspezialität

Devah und Sahra Babory haben es gut: Traditionell feiert die Familie Babory dreimal Weihnachten. Marjam Babory, Mutter der beiden jungen Frauen, erklärt, wie das kommt: In Afghanistan, Marjams Heimat, begeht man bereits zwei Feste, die Weihnachten sehr ähnlich sind: das „Kleine Fest“, auch Zuckerfest genannt, und das „Große Fest“.

Das „Kleine Fest“ markiert das Fastenbrechen am Ende des Ramadan, mit dem „Großen Fest“, dem Opferfest, feiern die Muslime den Abschluss der großen Pilgerfahrt nach Mekka. „Beide Feste dauern jeweils drei Tage“, sagt Marjam Babory. „Und an diesen drei Tagen wird gefühlt nur gekocht und gegessen“, ergänzt Sahra Babory.

Marjam Babory, die in Kandahar geboren und aufgewachsen ist, erinnert sich noch an weitere afghanische Traditionen in Zusammenhang mit den beiden Festen: „Vor dem Fest bekommen alle ein neues Kleid. Am Fest direkt besuchen die Jüngeren ihre älteren Verwandten und beglückwünschen sie. Die Kinder bekommen Geld geschenkt. Auf dem Tisch stehen viele selbstgebackene Süßigkeiten mit Mandeln und Nüssen, ganz ähnlich wie Baklava.“

So ist es naheliegend, dass Marjam Babory mit ihren Töchtern, die in Deutschland geboren wurden, von Anfang an auch das deutsche Weihnachtsfest feiert. „Die Stimmung ist einfach ansteckend“, sagt Devah Babory. Für die beiden Töchter war das Kekse backen im Advent selbstverständlicher Bestandteil des Jahres, ebenso wie die Bescherung und das gemeinsame Fondueessen am Heiligen Abend. Für Marjam Babory ist es auch liebgewonnene Tradition geworden, Weihnachtskarten an Freundinnen und Bekannte zu schreiben.

Aufgrund der gemeinsamen Wurzeln der beiden Religionen ist es für Marjam Babory durchaus schlüssig, als Muslimin die Geburt Christi zu feiern. Schließlich wird Jesus von Nazareth im Koran als Prophet erwähnt und steht in einer Reihe mit Mohammed, Mose, Johannes dem Täufer und Abraham, dessen Erinnerung das Opferfest gilt.

Wie sieht es nun aus, das traditionelle Festessen der Baborys? Um es vorweg zu nehmen: Die Zubereitung von Ashak ist ähnlich aufwendig wie die einer Weihnachtsgans und das afghanische Gericht schmeckt mindestens genauso lecker.

Ashak sind kleine Teigtaschen mit einer Füllung aus klein gehacktem Porree und Gewürzen. Früher wurde der Teig von Hand ausgerollt, heute bedient man sich einer Nudelmaschine. Aus den Teigplatten schneidet Marjam Babory kleine Stücke, die mit der rohen Porree-Mischung gefüllt und verschlossen werden. Die Taschen werden etwa zehn Minuten in Wasser gekocht. „Man riecht es, wenn sie fertig sind“, sagt Sahra Babory. „Sie duften dann nach Porree und müssen sofort aus dem Wasser“, ergänzt Devah Babory.

Marjam Babory bereitet mehrere Soßen zu, unter anderem eine Joghurt-Quarksoße mit ordentlich Knoblauch und einigen Tropfen Zitronensaft. Von dieser Joghurtsoße wird zuerst etwas auf eine große Porzellanplatte gelöffelt. Darauf kommen die Teigtaschen, dann wieder Joghurtsauce, die mit Nana – getrockneter Minze – bestreut wird. Ganz zum Schluss kommt eine Fleisch- oder Gemüsesoße, je nach dem, wer zum Essen kommt. Einen besonderen geschmacklichen Akzent verleiht Marjam Babory dem Gericht mit frischen Korianderblättern – ein Geheimtipp. Als Beilage fungiert Reis in verschiedenen Varianten mit Möhren, Rosinen und ähnlichen Zutaten.

Abgesehen von diesem Festessen feiern die Baborys Weihnachten wie andere Wolfsburger Familien auch: Man sitzt zusammen, knabbert Kekse und besucht die Verwandtschaft. Besinnlich also, ganz im Gegensatz zur Tradition in islamisch geprägten Gegenden: „In Afghanistan ist an den beiden Festen richtig viel los, wie Kirmes“, sagt Devah Babory. Niemanden halte es zuhause, so Marjam Babory. Und auf den Straßen spielt man ein Spiel, in dem buntgefärbte Eier eine tragende Rolle spielen.

 

Die Sonne Siziliens unterm Weihnachtsbaum in Wolfsburg

Zu einem richtigen Weihnachtsfest gehört Schiacciata, finden die Kinder von Sarina Mose. Genau genommen Schiacciata siciliana, eine kulinarische Spezialität aus dem äußersten Süden Italiens. Am Heiligen Abend kommt bei Sarina Mose die traditionelle Variante des überlieferten Rezepts auf den Tisch – gefüllt mit Brokkoli und dem am Ätna hervorragend gedeihenden Blumenkohl.

„In Sizilien versteht man unter Schiacciata eine Art Calzone. Sie wird aus einem Brotteig hergestellt und kann ganz unterschiedlich gefüllt sein“, erklärt die gebürtige Sizilianerin. Sie bereitet Schiacciata auch gerne mit Spinat oder Mangold zu, und das nicht nur zu Weihnachten, sondern ganzjährig. So hält man es übrigens auch im Ursprungsland des Gerichts, das bis heute ausschließlich von Hand gefertigt wird.

Doch Sarina Mose ist eine kritische Köchin. „Sie schmeckt hier anders als in Sizilien“, sagt sie und zählt gleich mehrere Gründe auf. Zum einen wurde im Elternhaus das Gemüse im eigenen Garten unter südlicher Sonne angebaut und auch den Käse machten die Eltern selbst. „In das Originalrezept kommt Tuma, ein frischer, ganz milder Schafskäse, von der Konsistenz her dem Gouda ganz ähnlich“, so Sarina Mose.

Zum anderen wurde Schiacciata traditionell im Steinofen gebacken. „Jede Familie hatte ihren eigenen Steinofen, den man mit Holz heizte. Einmal in der Woche wurde darin Brot gebacken und manchmal eben auch Schiacciata. Am Backtag gab es sie manchmal zum Mittagessen“, erinnert sie sich.

Noch heute sieht man in den engen Gassen von Sarina Moses Geburtsort Sinagra die Steinöfen – in die Hauswand integriert und von der Küche aus zugänglich. Sie sind von der Straße aus leicht zu erkennen an der gewölbten, balkonähnlichen Ausbuchtung und dem kleinen Schornstein. In Hattorf träumt die Frau, die als 14-Jährige ihre Heimat verlassen hat, um nach Deutschland zu gehen, von einem solchen Steinofen. Doch bis es soweit ist, behilft sie sich mit einem gewöhnlichen deutschen Backofen.

Wie wird die Schiacciata nun zubereitet? Mose stellt aus Hartweizenmehl einen Hefeteig her, der zweimal etwa eine Stunde lang gehen muss. Danach rollt sie zwei blechgroße Platten aus. Die untere Teighälfte wird mit Zutaten nach Belieben belegt. Neben gegartem Gemüse verwendet Sarina Mose Salsiccia, Käse und schwarze Oliven. Den Belag deckt sie mit der zweiten Teigplatte ab und verschließt den Rand. Nun kommt die Pracht in den Ofen, bis sich köstlicher Duft entfaltet.

Für die erwachsenen Kinder und Sarina Moses Mann Bernhard Podkrajac ist das Gericht das Weihnachtsessen schlechthin. Wenn die Familie nebst Enkelkind am Heiligen Abend mit leuchtenden Augen in der Küche sitzt und darauf wartet, dass die Schiacciata auf den großen Tisch kommt, tritt die bevorstehende Bescherung in den Hintergrund. Denn anders als in Sizilien isst man die Schiacciata in Hattorf schon vor Mitternacht. Und auch bei Sarina Mose, die von sich selbst sagt, kein großer Fan des Weihnachtsfestes zu sein, kommt dann feierliche Stimmung auf.

BZ