Kunstverstand und Herzenswärme

In der Ecke steht ein paar Einhorn-Hausschuhe, drüben hängen Dinosaurier-Magneten in wilder reihe, die Kinder huschen die Holztreppe hinauf und herunter – und ein paar Meter weiter reden sie über Kunst: tiefgründig und tiefschürfend und vor grossem Publikum. Gut 30 Gäste sind an diesem Abend zur Gesprächsrunde gekommen, die eben nicht im Antonien Saal oder im Aalto-Haus stattfindet, sondern im Haus von Claudia Mucha, in ihrem Wohnzimmer, auf bunt zusammengewürfelten und zusammen geliehenen Stühlen.

Die Atelierbesuche, von Kunstverein und Kulturbüro seinerzeit gemeinsam ersonnen, sind eben keine Diskussion, die irgendwo oben auf dem Podium stattfinden. Sie haben persönlichen Charakter, was bereits die Wahl des Ausstellungsortes sagt: Mal geht’s ins Atelier, mal nach Hause – weil dies bereits eine gewisse Nähe zum Künstler herstellt. Die übrig gebliebene Distanz lösen Daniela Guntner, frühere Leiterin des Kulturbüros, und Justin Hoffmann, Chef des Kunstvereins, auf. So bleibt bei allem Tiefgang, bei aller Expertise, bei aller intellektuellen Auseinandersetzung genügend Raum für Persönliches, Menschliches. So wird die Sachkunde ergänzt um Herzenswärme.

Das ist beim Talk mit Claudia Mucha nicht anders – abgesehen davon, dass hier Jennifer Bork vertretungsweise Daniela Guntner sekundiert: Im Zentrum steht, wie zumeist, ein durchgängiges Motiv, eine zentrale Arbeit oder auch ein kanonisches Werk. Für die Fotokünstlerin ist es die Auseinandersetzung mit den Räumen abseits des Urbanen, mit Natur, ja mit Ökologie. Gemerkt hat sie das erst nach fünf Studiensemestern voller Sinnkrise: „Ich habe nur Mist fotografiert. Dann habe ich die Landschaft neu entdeckt und gemerkt: Das ist radikal mein Thema“, sagt sie offen.
Genau das ist der Charme dieser Veranstaltung: Sie ist keine Werbeshow fürs eigene Schaffen, sondern immer auch ein Abend unter Freunden, weshalb es hinterher auch jedes Mal Häppchen und das gibt, was man neudeutsch Get-together nennt. Die gut ein einhalb bis zwei Stunden davor sind freilich nicht weniger gehaltvoll: Claudia Mucha etwa gibt Einblicke in frühe und frühere Arbeiten, illustriert den künstlerischen Wert, aber auch die monetären Aspekte einer Großformatfotografie, berichtet von ihrem neuen Projekt in der Konzeptkunst – offen, unmittelbar, einzigartig.

(c) Sebastian Dorbrietz

Bei den hiesigen Kunstsinnigen ist das Format genauso beliebt wie bei den Kunstschaffenden: 24 Künstler haben in den vergangenen sieben Jahren am Format teilgenommen, haben Arbeiten gezeigt und Fragen beantwortet, Sushi serviert oder Antipasti gereicht. Bei der Druckgraphikerin Angelika Bucher, bei der Malerin Irene Heimsch und beim Bildhauer Volker Veit waren Daniela Guntner und Justin Hoffmann schon zu Gast,
fanden neue Perspektiven, erschlossen neues Wissen. Ein Format für ausgewiesene Kenner ist es dennoch nicht, sondern, im Gegenteil, ein ebenso charmanter wie authentischer Annäherungsversuch an die Wolfsburger Kunstszene.
Auch wenn die Organisatoren zuletzt – mit nur einem Atelierbesuch im Jahr 2017 – die Veranstaltungsreihe etwas haben durchatmen lassen: 2018 wollen sie die Wolfsburger Maler, Graphiker, Bildhauer, Konzeptgestalter und Fotokünstler wieder quartalsweise besuchen – auch, weil das Interesse an dem Expertengespräch unter Freunden als Format ungebrochen ist; ist es doch wie ein guter Podcast – nur mit Schnittchen am Schluss und Einhornschuhen in der Ecke.

AK

Der Baum als Symbol des Lebens, des Wandels, aber auch als ästhetisches Erlebnis – taucht immer wieder in Claudia Muchas fotografischen Arbeiten auf. So dokumentiert sie in einem umfangreichen Werk das Sterben der sogenannten Geistereiche an der Autobahn 39, in der Peripherie des Heinenkamp-Gewerbegebiets. In ihrer neuen Konzeptarbeit „Eichenblätter zählen“ tut sie genau das: Seit Herbst 2014 zählt und archiviert sie die gefallenen Blätter der Eiche in ihrem Vorgarten – Stand Juli 2017 sind es bereits 150.400; eine mathematische Formalisierung des Lebenszyklus.

BLOSS NICHT ANFASSEN, IMMER SCHÖN ERNST GUCKEN – GILT BEIM ATELIERBESUCH NICHT: AUF DEM GRÜNEN TALKSOFA WIRD GELACHT, IM PLENUM WERDEN FOTOS HERUMGEREICHT.