Blick vom Ton- und Lichtpult auf das Publikum und die Bühne; vorn Monitore mit Mischpultanzeigen, rechts ein Digitaltimer, hinten die lesende Autorin.

Litera­tur­kreis Wolfsburg

Litera­tur­kreis Wolfsburg: Wie man einfach nur zuhört und plötzlich ganz woanders ist

Ganz ehrlich: Ich war skeptisch. Eine Lesung an einem Donners­tag­abend – ist das wirklich die beste Idee nach einem langen Arbeitstag? Und doch hatte die Vorstel­lung, einfach nur dazusitzen und zuzuhören, etwas Verlo­ckendes. Kein Handy, kein Streaming-Film, kein Zwei-Dinge-auf-einmal – nur Sprache, Stimme, Geschichten.

Was Lesungen so besonders macht – und warum man öfter hingehen sollte

Im Kultur­zen­trum Hallenbad lädt der Litera­tur­kreis Wolfsburg vor allem Autorinnen und Autoren ein, die ihre eigenen Werke vorstellen – neue Romane mit frischen Geschichten und Gedanken.

Dieses Mal war alles ein wenig anders: kein neues Buch, statt­dessen Marianne Orsini-Parake­nings – eine Vorle­serin, die Erzäh­lungen von Thomas Mann mitge­bracht hatte. Ihr Verspre­chen gleich zu Beginn: „Freude von der ersten bis zur letzten Zeile.“

Und tatsäch­lich: Sie hat Wort gehalten. Während des Abends sind mir ein paar Dinge aufge­fallen, die Lesungen so besonders machen – und warum ich sie nicht missen möchte.

Weil vorge­lesen zu bekommen etwas mit einem macht

Das hatte schon als Kind etwas: Jemand liest einem vor. Vielleicht waren es die Eltern, vielleicht die Großel­tern. Das hatte etwas Magisches. Plötzlich war man nicht mehr im eigenen Zimmer, sondern mitten­drin in einer Geschichte – nur durch Worte, durch eine Stimme.
Genau dieses Gefühl kam an dem Abend bei der Lesung wieder hoch. So viele Bilder, kleine Filme im Kopf. Man merkt gar nicht, wie tief man drin ist – bis man plötzlich ganz woanders ist.

Fast wie früher. Nur dass man heute weiß, wie selten so ein Moment geworden ist.

Weil der Text eine Stimme hat – und ein Gesicht dazu

Es ist nicht nur der Text, der wirkt – sondern auch, wie er gelesen wird. Und von wem.

Man bekommt ein Gefühl für die Person da vorne: wie sie liest, atmet, mit dem Publikum umgeht. Man spürt, welche Stellen ihr wichtig sind, wo sie langsamer wird oder kurz selbst schmun­zeln muss.

Und selbst wenn sie sich mal verhas­pelt, macht sie das so gelassen, dass es eher Nähe schafft – und einfach sympa­thisch ist.

Weil alles zusam­men­passt: Raum, Licht, Stimme
Der Litera­tur­kreis Wolfsburg macht’s einem leicht. Man merkt: Hier legt sich jemand wirklich richtig ins Zeug. Und das Kultur­zen­trum Hallenbad? Der perfekte Ort dafür. Selbst mit hundert Leuten fühlt sich die Kleine Bühne nicht voll an, sondern genau richtig.

Vorne das Podium: die Vorle­serin im Licht, dahinter der blaue Vorhang. Kein Trubel, nur Stimme und Präsenz. Und hinten am Mischpult ein Techniker, der lässig alles steuert – Ton, Beleuch­tung, Atmosphäre.

Klar, der Text zählt. Aber das Drumherum macht den Abend erst richtig rund: wie der Raum klingt, wie das Licht fällt, wie alles zusam­men­passt. Vielleicht klingt das übertrieben – aber wer da war, weiß, was gemeint ist.

Weil man etwas erlebt, das andere gleich­zeitig auch bewegt

In so einem Raum hört man nicht nur für sich. Wenn plötzlich hundert Leute an derselben Stelle leise lachen, raunen oder hörbar aufatmen, entsteht etwas, das man allein mit einem Buch nie hätte.

Für einen Moment denkt man mit den anderen Zuhörern in dieselbe Richtung, ohne ein Wort zu sagen. Das schafft eine Verbun­den­heit, die sich schwer erklären lässt, aber eindeutig da ist.

Man schaut kurz auf, sieht Gesichter, die sich ebenfalls haben mitnehmen lassen, und weiß: Die anderen sind ja genauso drin wie man selbst.

Weil man klüger rausgeht, als man reinge­gangen ist

Eine Lesung geht einem nicht nur nah, sie öffnet auch irgendwie den Blick. Man nimmt etwas mit: ein Gedanke, der sich festsetzt, eine Formu­lie­rung, die nachhallt.

Oder, wie in meinem Fall: Dass Thomas Mann ein ironi­scher, sogar humor­voller Typ war – das hätte ich vorher nicht behauptet. Und das werde ich ihm jetzt auch nicht mehr abspre­chen.  Auf dem Nachhau­seweg spricht man darüber, teilt die Aha-Momente mit der Begleitung.

Und manchmal kommt das Gespräch auch am nächsten Arbeitstag wieder hoch. Die im Büro wissen es noch nicht – aber beim nächsten Mal nehme ich sie zum Litera­tur­kreis Wolfsburg mit.

Fotos: © WMG

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