(M)Einfache Handlungen

Wie fühlt es sich an, mit den Konsequenzen einer Entscheidung leben zu müssen? Welche Auswirkungen auf das echte Leben haben vermeintlich anonyme Aktivitäten im Internet? Mit Fragen wie diesen setzt sich die Lokale Liaison des Kunstvereins Wolfsburg in speziellen Projekten auseinander – indem sie sie an Gruppen richtet, zu deren Leben die Fragen passen und die sich damit dann künstlerisch auseinandersetzen. Mit dem Ziel, dass die Besucher der jeweiligen Ausstellungen die Gestalt gewordenen Gefühle am eigenen Leibe nachempfinden können. So wird das Abstrakte konkret – auch für die teilnehmenden Künstler.

Das jüngste Projekt behandelte „(M)Einfache Handlungen“, also ein Thema, dem sich der Kunstverein in seiner damaligen Ausstellung ähnlichen Namens widmete, nämlich „Einfache Handlungen“. In dem Projekt, das die Lokale Liaison daraus entwickelte, erweiterten die fünf Teilnehmer dieses Thema in einem einwöchigen Workshop um ihren persönlichen Blick auf die Themenfelder Soziales und Zusammenleben. „Sie stellen durch ‚Einfache Handlungen‘ dar, was für Konsequenzen es hatte, als sie etwas getan oder nicht getan haben“, erläutert Markus Georg, der diese Vermittlungsprojekte für den Kunstverein konzipiert und umsetzt.

Das hieß in diesem Falle, dass eine freiwillige Gruppe junger Erwachsener der Bildungseinrichtung des CJD (Christliches Jugenddorfwerk) Wolfsburg mit den Mitteln der Kunst für andere erlebbar machte, wie es sich anfühlt, mit den Folgen des eigenen Handelns oder Nichthandelns leben zu müssen. Beispielsweise ließen sie die Besucher ihrer Ausstellung Porzellan zerschlagen und stellten sie dann vor die Wahl, dieses wieder zusammenzusetzen oder es eben bleiben zu lassen. Georg hebt diesen „performativen Charakter“ hervor, den die Exponate hatten. Die Projektteilnehmer machten aus ihrem Gefühl ein persönliches ein persönliches Anliegen, mit dem die Besucher umgehen mussten– und damit lag die Performance nicht beim Künstler, sondern beim Zuschauer. Was wiederum bedeutet, dass die Exponate ohne den Besucher nicht vollständig waren.

Das Wolfsburger CJD ist für diese Projekte zum ersten Mal Kooperationspartner der Lokalen Liaison, angeregt und unterstützt von Streetlife, dem Wolfsburger Fachdienst für Kriminalprävention, mit dem Georg wiederholt kooperierte. „Wir profitieren gegenseitig voneinander, es macht Spaß, es passt alles“, schwärmt Georg. Mit Freude stellt er fest, dass für die Teilnehmer eine spezielle Motivation ganz oben steht, und zwar das künstlerische Arbeiten an sich: „Viele sagten, dass ihnen genau das gefällt.“ Auf diese Weise entfliehen sie zudem für eine Woche dem Alltag – laut Georg mit „Neugier, Abenteuer, Abwechslung“. Er kann das gut verstehen: „Das ist wie eine Projektwoche, die mochte ich früher auch immer gern in der Schule.“

Das nächste Thema ist bereits in Planung: „Digitale Welten“, angelehnt an das Jahresthema des Kunstvereins „Utopie und Regulierung in der digitalisierten Welt“. Georg erläutert die Projekte dazu: „Es geht darum, dass man die abstrakten Selbstverständlichkeiten, Abläufe und Tatsachen der digitalen Welt ins reale Leben holt und sie körperlich erfahrbar macht.“ Es sei beispielsweise leicht, online jemanden „abzuknallen“ oder die AGBs zu akzeptieren: „Man hat eine Vorstellung davon, was das bedeuten könnte, aber man kann es nicht fassen, weil es so abstrakt ist.“

Im Internet gebe es bereits Ansätze, diese Themen greifbar zu machen, sagt Georg, und zählt Historiker auf, die zum Thema Big Data feststellen, wie es den Nazis damals zupassgekommen wäre, wenn es seinerzeit das Internetverhalten und das Datensammeln von heute gegeben hätte. „Wir wollen theoretisch weiterspinnen, was mit gesammelten Daten passieren könnte, zum Beispiel in einem totalitären System oder bei der Jobsuche“, erläutert Georg. Diese und weitere Themen – etwa Spiele, Influencer, Selfies, You Tube, Algorithmen – sollen die Teilnehmer auf mehrere Projekte verteilt kritisch hinterfragen und zu körperlichen Aktionen werden lassen, zum Beispiel mit Performances oder Flashmobs, und ihnen damit das Abstrakte nehmen.

Eines der Projekte soll auch das Internet-Verhalten einer Konfirmandengruppe thematisieren. Die Jugendlichen setzen sich mit ihrem digitalen Verhalten auseinander und gleichen es mit dem eigenen Glauben ab. „Sie sollen so ihr Bewusstsein für ihr Tun im Digitalen stärken“, so Georg. Denn Hass bleibe Hass, auch wenn er vermeintlich nur aus Spaß irgendwo gepostet werde. Konfirmanden wählte Georg deshalb dafür aus, weil das Projekt im Rahmen der parallel laufenden Ausstellung „spiritual*digital“ auch die Themenfelder Leben, Tod und Moral im eigenen digitalen Handeln berührt. Damit sind Projekte wie dieses nicht nur spirituell, sondern stark psychologisch geprägt. Das ist für Georg auch das Kapital, das die Gruppen mitbringen: „Die Persönlichkeit.“ Und damit die Möglichkeit, mit den Teilnehmern das eigene Leben künstlerisch nachzuzeichnen und mit den Vermittlungsprojekten die Ausstellungen um die persönlichen Erfahrungen der Gruppen zu erweitern.

Bei der Lokalen Liaison handelt es sich um die Kunstvermittlung des Kunstvereins; Vermittlungsprogramme sind eine Voraussetzung, die das Land Niedersachsen an die Vergabe von Fördermitteln knüpft. Für den Wolfsburger Kunstverein übernimmt diese der 39-jährige Georg, der als freier Kunstvermittler in Berlin lebt und auch dort für andere Einrichtungen solche Projekte anbietet. Georg studierte Visuelle Kommunikation, arbeitete zehn Jahre lang als freier Fotograf und ist seit 2013 bei der Lokalen Liaison engagiert. Nicht nur das Land, auch wechselnde lokale Förderer unterstützen die Lokale Liaison: Das Projekt „(M)Einfache Handlungen“ finanzierte die VGH-Stiftung.

MB

Kontakt: Markus Georg
lokaleliaison.kunstverein@wolfsburg.de
0163 6275473
www.kunstverein-wolfsburg.de/lokale_liaison/