Mit dem VFL um WM-Titel spielen

E-Sport erlebt seit einigen Jahren einen Boom und findet in Deutschland immer mehr Fans. Der VfL Wolfsburg hat die sich bietenden Chancen erkannt und drei E-Sportler unter Vertrag genommen. Darunter der 20-jährige Vize-Weltmeister Timo Siep, der beim Videospiel „Fifa“ für den Bundesligisten auf die Jagd nach nationalen und internationalen Titeln geht – unter anderem auch mit Weltfußballer Cristiano Ronaldo.

Und auf einmal steht Ronaldo ganz frei, bekommt den Pass von Paul Pogba und macht das Tor für den VfL Wolfsburg. Moment, Ronaldo und Pogba für den VfL? Was wie ein verrückter Traum klingt, ist für Timo Siep durchaus Realität: Der 20-Jährige geht seit September 2016 als professioneller E-Sportler für den VfL beim Videospiel „Fifa“ auf Torejagd und hat dabei in seinem digitalen Team der „Wölfe“ solche Weltklassespieler wie eben Ronaldo und Pogba. Diese bewegt Siep mithilfe seines Controllers auf höchstem Niveau: Im vergangenen Jahr wurde er in Paris Vize-Weltmeister auf der Playstation 4 und zählt zu den absoluten Größen einer Szene, die rasant wächst. In Deutschland interessieren sich laut einer  Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Nielsen Sports 23 Prozent der 14- bis 49-Jährigen für E-Sport. Mit steigender Tendenz. Die Szene wird immer professioneller, im vergangenen November hat sich der ESBD („eSport-Bund Deutschland“) gegründet, der dafür kämpft, dass E-Sport als Sportart anerkannt wird. Und es gibt ernsthafte Diskussionen, ob E-Sport etwas für die Olympischen Spiele ist.

Was früher Zocken hieß, soll jetzt eine Sportart sein? Völlig richtig, meint Siep: „Zocken macht man in erster Linie aus Spaß, während E-Sport ernsthaft betrieben wird.“ Christopher Schielke, zuständig für die Digitale Strategie beim VfL Wolfsburg, ist der gleichen Meinung: „Für eine Karriere als E-Sportler muss man Talent mitbringen. Da ist ein ganz anderes Niveau gefragt.“ Und schließlich seien Schießen oder Darts ebenfalls als Sportarten anerkannt und hinsichtlich der Anforderungen an die Augen-Hand-Koordination vergleichbar mit E-Sport.

Wie bei anderen Sportarten gibt es im E-Sport Wettkämpfe in Form von Ligen und Turnieren. Oft wird dabei aber nicht Fußball auf einer Konsole, sondern zum Beispiel das Echtzeit-Strategiespiel „League of Legends“ gespielt. Dass sich der VfL auch bei solchen Spielen engagiert, ist für Schielke unvorstellbar: „Das hat nichts zu tun mit unserem Kern, dem Fußball.“ Recht zu geben scheint dem VfLer, dass er bisher nur positive Rückmeldungen bekommen habe: „Wir haben schon gehört, dass einer sagt: `Ich bin zwar Bayern-Fan, aber ich finde es toll, was der VfL im E-Sport macht.‘“.

Freilich musste Schielke dennoch kritische Fragen beantworten, warum der VfL in E-Sport investiert. Seine Antwort: „Der virtuelle Fußball passt zu unserem Markenclaim `Fußball ist alles‘. Zudem ist der VfL offen gegenüber Innovationen.“ Deswegen engagierte sich der Verein im Mai 2015 als erster Bundesligist im E-Sport und schloss mit Benedikt Saltzer einen Vertrag ab. Ein weiterer Grund: „Über den E-Sport können wir eine junge Zielgruppe ansprechen – auch international“, sagt Schielke. Daher ist der Engländer David Bytheway der Dritte im Bunde der VfL-E-Sportler. Siep, Saltzer und Bytheway treten für den VfL auch bei internationalen Turnieren an, zuletzt in Barcelona. Damit rückt der Bundesligist in die Wahrnehmung internationaler E-Sport-Fans: Am Electronic Arts World Cup 2016 beispielsweise hätten zusammen mit den vielen Qualifi kationsspielen insgesamt rund sechs Millionen Spieler teilgenommen, sagt Schielke. „Die kamen aus der ganzen Welt. Viele von ihnen haben dann das Finale mit Timo im VfL-Trikot gesehen.“ Denn das gehört dazu: Die drei E-Sportler des VfL tragen bei offiziellen Auftritten immer das Heimtrikot des Vereins.

Mit dem Tragen des grün-weißen Trikots und ein paar Stunden an der Konsole ist es aber nicht getan. Siep und Co. sollen möglichst gute Markenbotschafter für ihren Klub sein. Dafür müssen sie viel Zeit in ihre Auftritte bei sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder YouTube stecken. Siep macht jede Woche mehrere Videos für seine Abonnenten auf YouTube. „Die Social-Media-Reichweite ist für mich als professionellen E-Sportler wichtig, auch um meinem Verein eine Plattform zu geben.“ Tatsächlich hat Siep, der unter dem Spielernamen „TimoX“ aktiv ist, auf YouTube knapp über 60.000 Abonnenten. Das sind rund sechsmal mehr Menschen, als der VfL Wolfsburg auf dem Video-Portal mit seinem Kanal erreicht. Das macht E-Sport zudem für Sponsoren interessant: „Die große Reichweite und Verknüpfung mit einer jungen Zielgruppe kommen gut an“, sagt Schielke. Es hätten sogar Unternehmen von sich aus gefragt, ob sie Sponsor der VfL-E-Sportler werden können. Mittlerweile hat der Bundesligist vier Sponsoren für den E-Sport. „Wir machen dank des Sponsorings zwar noch keinen Gewinn, aber es hilft unsere Investitionen zu refinanzieren“, sagt Schielke.

Natürlich hat der VfL Wolfsburg durch sein Engagement im E-Sport einige Kosten: Er bezahlt seinen drei E-Sportlern ein Grundgehalt, hilft ihnen bei der Vermarktung, beim mentalen Training und finanziert ihnen Reisen zu Turnieren oder PR-Auftritten wie im vergangenen Jahr die Einweihung einer „GamingZone“ in der Volkswagen Arena. Siep und Co. sind viel unterwegs: Der VfL hat bereits mehrere Veranstaltungen unter dem Motto „Triff den Profi“ durchgeführt. „Ich bin selten zwei Wochen am Stück zuhause“, sagt „TimoX“ Siep. Der heute 20-Jährige wohnt in der Nähe von Köln und ging noch zur Schule, als er den Vertrag mit dem VfL unterschrieb. Seine Eltern waren anfangs skeptisch. „Jetzt sehen sie aber, dass ich damit mein Geld verdiene.“

Tatsächlich werden die Verdienstmöglichkeiten immer besser: Bei der WM 2016 hat das Preisgeld für den Sieger noch 20.000 Dollar betragen, in diesem Jahr sollen es 200.000 Dollar sein. Zwar äußern sich weder Siep noch der VfL zu Vertragsinhalten, jedoch ist es üblich, dass die Spieler einen Großteil der Siegesprämien behalten dürfen. Wenig verwunderlich, dass Sieps Freunde es ihm am liebsten nachmachen würden, wie der E-Sportler berichtet. Nur schaffe es kaum jemand, solch ein Niveau zu erreichen: „Absolute Weltklassespieler gibt es nur so fünf, sechs“, sagt Siep, der sich natürlich zu diesem kleinen Kreis dazuzählt. Noch sieben, acht Jahre will er sein Geld mit E-Sport verdienen. Ob er dann ausgesorgt hat, weiß er nicht. Trotz der steigenden Preisgelder. Schließlich sei „Erfolg manchmal auch Glückssache“.

TK