Mit Gabelstapler und Glacéhandschuhen

Nagel in die Wand. Bild aufhängen. Ausstellung eröffnen. Nein, so einfach ist das nicht. Im Gegenteil: das ist verdammt schwer. Ein Ausstellungswechsel im Kunstmuseum ist jedes Mal ein Kraftakt: organisatorisch, aber auch körperlich. Wenn eine Schau die andere ablöst, dann herrscht Ausnahmezustand am Hollerplatz; dann rollen Gabelstapler übers sonst sorgsam gewienerte Parkett; dann gibt es keine ruhigen Minuten, sondern viel Lärm und Staub – und Matthias Heitbrink sagt: „endlich geht’s los!“

Matthias Heitbrink ist Leiter des Art Handlings, sprich: der Verwandlungs-Künstler, der jene Welten schließlich Gestalt annehmen lässt, die Direktor und Kuratoren ersinnen: „Wir zeigen bei uns neben Retrospektiven auch große Themenausstellungen – und genau das macht meinen Job spannend“, erläutert der Historiker und Kunstliebhaber. Denn während man in den meisten anderen Ausstellungshäusern überlegt, ob man Kunstwerke in den bestehenden Räumen, an den vorhandenen Wänden als Werkgruppen zeigt oder in eine Chronologie bringt, ist in Wolfsburg nichts. Hier gibt es keinen festen baulichen Rahmen, sondern lediglich eine leere Halle, mit 40 mal 40 Metern Grundfläche und einer Höhe von knapp 20 Metern.

Das ist Fluch und Segen zugleich. Segen, weil der kreativen Freiheit keine Grenzen gesetzt sind, weil man jeder Kunst, jedem Künstler ein passendes Umfeld schaffen kann. Fluch, weil es keine Standards gibt, nur Erfahrungswerte und die beruhigende Erkenntnis: Bisher hat alles immer geklappt – auch jetzt wieder, nachdem die Halle nach „This Was Tomorrow“ in den leeren Urzustand zurückversetzt wurde, um sie gleich darauf wieder mit Kunst zu befüllen. Die Zeit dafür ist festgelegt – und knapp: Zehn Tage Zeit haben die acht hauseigenen Handwerker des Kunstmuseums gemeinsam mit externen Kollegen verschiedenster Gewerke; ganz egal, ob lediglich ein paar Stellwände aufzubauen sind oder – wie für die laufende Hans-Op-de-Beeck-Ausstellung „Out of the Ordinary“ – ein zehn Meter hoher Turm hochgezogen werden muss.

Ein Wasserbecken oder ein beinahe original großer „Amusement Park“ klingen gewaltig, sind aber business as usual. Da gab’s schon Größeres, Schwierigeres für die Mannschaft um Matthias Heitbrink. Zum Beispiel die Betondecke für „Wolfsburg unlimited“, die sich Künstler Julian Rosefeldt im Stil erodierter DDR-Panzerplatten vorstellte. Er brachte das Foto eines Ostberliner Parkplatzes mit – und die Baubrigade des Kunstmuseums legte zwei Lagen Tischlerplatten aus, breitete auf ihnen eine dicke Folie aus, konstruierte einen Rahmen aus Holzlatten für die stilechte Fugen-Optik und manövrierte einen schweren Betonpumpen-Laster in die Klima-Schleuse.

Derlei schweres Gerät hat bei fast jedem Aufbau seinen Einsatz. Doch neben kraftvollen Maschinen wie Gabelstapler oder Hebebühne wird auch stets mit viel Fingerspitzengefühl und Glacéhand schuhen gearbeitet. Wenn zum Beispiel für die Alberto-Giacometti-Rückschau für mehrere Hundert Millionen Euro versicherte Kunst bewegt wird. „Der Leihverkehr, also sich als Museen gegenseitig Werke für Ausstellungen zur Verfügung zu stellen, ist absolute Vertrauenssache. Da darf nichts passieren – und dafür bürgen wir“, erklärt Matthias Heitbrink.

Den fachgerechten Umgang mit den Werken sicherzustellen, ist überdies auch Job der Kuriere. Sie begleiten ein Kunstwerk – wie es in der Fachsprache heißt – von Nagel zu Nagel; also ab dem Zeitpunkt, in dem es im leihgebenden Museum abgehängt, bis zu dem Moment, in dem es im leihnehmenden Museum aufgehängt wird. „Nachdem gemeinsam gehängt bzw. gestellt wurde und die Kuriere abgereist sind, dürfen die Werke nicht mehr bewegt werden, sagt der Chef-Ausstellungsbauer. Diese Art und Weise ist sowieso von Anfang an das Spannungsfeld, ein Kräftedreieck. An seinen drei Spitzen stehen: Der Kurator mit seiner konzeptionellen Idee, der Künstler mit seiner kreativen Vision und die Behörden mit ihren Normen, Regeln und Maßgaben. Und für die Arbeit von Joseph Beuys in „Die Kunst der Entschleunigung“ musste der Statiker anrücken: Man fürchtete, die Metallplatten im Werk würden die Decke über dem darunterliegenden Parkhaus einstürzen lassen; taten sie zum Glück nicht.

„Grundsätzlich machen wir alles möglich, was sich in den Grenzen der Physik bewegt“, betont der Historiker und Experte für den Brückenschlag zwischen Kreativität und Pragmatik. Wobei die Kunstschaffenden diese Grenze seit den späten 1960er-Jahren immer weiter ausgedehnt haben. Statt statisch wie klassische Bilder oder Skulpturen sind künstlerische Arbeiten der Gegenwart oft dynamisch, mobil, interaktiv; besitzen komplexe Mechanik, elektronische Steuerungen und eine digitale Intelligenz. Selbsterklärend sind sie damit also beileibe nicht, weshalb meistens eine umfangreiche Aufbaudokumentation beiliegt: sozusagen die IKEA-Anleitung für Kunst.

Auch das Ergebnis ist manchmal das gleiche wie bei den schwedischen Selbstbaumöbeln: Es passt, aber das entscheidende Quäntchen zur Perfektion fehlt. So wie bei den Licht-Installationen von James Turell in „The Wolfsburg Project“: Tagelang versuchten das Team des Kunstmuseums und der Assistent des Künstlers, die Beleuchtung nach Vorlage richtig einzustellen. „Dann kam der    Meister, drehte an zwei, drei Reglern – und alle sagten: ‚Wow!‘“, erinnert sich Matthias Heitbrink.

AK

(c) Sebastian Dorbrietz