Petri Heil an Wolfsburg Gewässern

Das Duell Fisch gegen Mensch ist so alt wie die Menschheitsgeschichte. Was früher zur Existenzsicherung diente, ist heute vielfach ein Hobby zum Entspannen und Ausgleich zum meistens stressvollen Alltag. Wenn ein Fisch jedoch angebissen hat, ist sofort volle Konzentration gefordert, auch an Wolfsburgs Gewässern. Familie Fricke ist hier in drei Generationen unterwegs und ködert verschiedenste einheimische Fischarten.

Rege Betriebsamkeit ergreift den Angler, wenn es plötzlich an der Schnur zuckt. „Der Puls geht hoch, das Herz schlägt schneller – man muss den richtigen Moment erwischen“, sagt Thorsten Fricke (42), Vorsitzender des Angler- und Gewässerschutzvereins Vorsfelde. „Ich muss entscheiden: Wann ziehe ich die Angel weg, damit der Haken auch im Maul bleibt?“ Beim ersten Ruck einfach an der Rolle drehen und die Schnur mit dem Fisch am Haken einholen. Nein, ganz so einfach ist es beileibe nicht. Beim Karpfen etwa kann es passieren, dass er zupackt und mit dem Haken los schwimmt. Das Tier merkt dann, dass etwas nicht stimmt und spuckt den Haken wieder aus – natürlich zum Ärger des Fischers. Thorsten Frickes Vater Bernd-Erich (69) scherzt: „Da wird dann auch mal geflucht.“ Thorsten Fricke ergänzt: „Das passiert und man ärgert sich kurz. Da war der Fisch halt schlauer als wir.“ Und man angelt weiter.

Darauf muss man sich beim Hobby Angeln eben einlassen: Der Erfolg ist nicht garantiert. Auf 20 in Wolfsburg gefangene Fische pro Jahr kommen für Thorsten Fricke doppelt so viele Angeltermine. Davon lässt sich die Familie mitnichten entmutigen, denn der Fang ist nicht der alleinige Grund für ihr Hobby. Der Stress bei der Arbeit war es, der Bernd-Erich Fricke vor fast 40 Jahren an die Wolfsburger Fischgewässer trieb: „Nach Hause kommen, Angel holen, an den Kanal gehen.“ Auf diesem Wege fand er Entspannung und Erholung – und gelegentlich eben auch Fische. Das unkalkulierbare Anglerglück sorgt neben der Ruhe auch für einen Kick.

(c) Sebastian Dorbrietz

Der Erfolg hängt von vielen Faktoren ab, von Wetter und Temperatur zum Beispiel. Auch von der Ausstattung des Anglers: Hält die Schnur, die für eine Forelle gedacht ist, auch den versehentlich anbeißenden Karpfen aus, oder zerreißt sie? „Erfahrung hingegen ist nicht immer ein Erfolgsgarant“, sagt Thorsten Fricke: Als sein Sohn Janik (14) erstmals an einem Familien-Angeln teilnahm, hatte der ohne die Tricks der Alten den größten Zander am Haken.

Und dieser Moment, oftmals erst nach Stunden des Wartens, nach manchen Fehlalarmen, der belohnt die Geduldigen. „Es ist cool, wenn der Fisch anbeißt und man ihn aus dem Wasser bekommt“, sagt Jung-Angler Janik. Der Fisch am Haken ist immer ein Erfolgserlebnis. Sofern dessen Größe stimmt: Das Tier muss vermessen werden, zu kleine Exemplare kommen zurück ins Wasser. Passt das Maß, darf der Angler ihn mitnehmen. „Wir versuchen, die Fische schonend und zügig aus dem Gewässer zu holen“, betont Thorsten Fricke.

Und dann gibt es noch die kuriosen Angelerfolge, die dem Wunsch nach Ruhe sogar in die Quere kommen. Im vergangenen Dezember angelten Thorsten und Janik auf Aalquappe. Eigentlich hatten Vater und Sohn vor, gemeinsam am Wasser zu entspannen – doch daraus wurde nichts, die Fische bissen wie wild. „Es war wie verrückt, wir kamen nicht hinterher“, berichtet Thorsten Fricke noch immer beeindruckt vom Erlebten. Und zu Hause ist es der Familienvater selbst, der die Fänge zubereitet: „In verschiedenen Varianten, ich räuchere gern Forelle und Aal, Raubfische paniere ich als Filet.“

Die meiste Zeit verbringen Angler indes mit Warten. Die Ruhe bietet ihnen die Gelegenheit, sich auf den Ort zu konzentrieren, an dem sie sich befinden, sich den Vogel genauer anzusehen, der über ihnen im Baum trällert, in der Dämmerung die Rehe im Wald bellen oder gar die Hirsche brunften zu hören. Im Sommer am Mittellandkanal, Thorsten Frickes Lieblingsrevier, sirren die Mücken um ihn herum, beobachtet er Biber und Dachse, fliegen in der Dämmerung Fledermäuse, singen nachts die Nachtigallen. Manchmal leuchten sie nach dem Angeln mit der Taschenlampe ins Wasser: „Was da an Lebewesen drin ist“, staunt Thorsten Fricke. „Süßwassergarnelen, Frösche, Fische – phänomenal.“

Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, kann allerdings nicht einfach losangeln: In Wolfsburg muss man mindestens 14 Jahre alt sein und bei einem der beiden lokalen Vereine – AGV Vorsfelde und SFV Wolfsburg – die Angelprüfung ablegen. Eine Vereinsmitgliedschaft ist keine Pflicht, außer, wenn man in Vereinsgewässern angeln will. In Wolfsburg gibt es jedoch kein Gewässer, in dem man ohne Vereinsmitgliedschaft fischen darf. Die Angelprüfung in Wolfsburg haben die beiden Vereine unter sich aufgeteilt: Der SFV prüft im Frühjahr, der AGV im Herbst. Für die Prüfung muss man sich an einen der beiden Vereine wenden, eine anschließende Mitgliedschaft ist aber keine Pflicht.

MB

INFOS

Kosten der Angelprüfung:

Jugendliche 50 Euro

Erwachsene 100 Euro

Start des Lehrgangs beim AGV ist im September, Prüfung im November. Dauer: acht Wochenenden.

http://www.agv-vorsfelde.de/

http://www.sfv-wolfsburg.de/

 

Angelgewässer in und um Wolfsburg:

Mittellandkanal, Aller, Burgteich Neuhaus, Danndorfer Teiche, Velpker Kiessee, Schunter, Allerentlaster, Allersee, die Hageberg-Becken, Detmeroder Teich, Schillerteich, Neuer Teich, Regenrückhaltebecken Kreuzheide, Salzteich, Schunter, die Rothehofer Teiche, Bokensdorfer Teich.