Das Kunstmuseum Wolfsburg

Quadra­tisch, praktisch und immer gut

Das Wolfs­burger Kunstmuseum

Seit über 30 Jahren steht es dort – am Eingang der Stadt, aus Richtung Braun­schweig kommend. Einladend, unüber­sehbar, immer noch ein Hingucker. Das Kunst­mu­seum Wolfsburg. Erbaut vom Archi­tek­tur­büro Schweger + Partner aus Hamburg.

Archi­tektur im Dialog

Bei einer öffent­li­chen Führung mit dem Titel „Achtung (post)modern!“ der Initia­tive der Arbeits­gruppe Denkmal­pflege in der Braun­schwei­gi­schen Landschaft e. V. des Forums Archi­tektur, Stadt Wolfsburg, und des Netzwerks Braun­schweiger Schule kamen die Akteure – der damaliger Architekt und die Leiterin Bildung des Museums, ins Gespräch. Die Fragen stellte Modera­torin Nicole Froberg, Referat Stadtbild und Denkmal­pflege der Stadt Braun­schweig, die eine ausge­wie­sene Kennerin der Archi­tektur in Wolfs­burger ist.

Die Entste­hungs­ge­schichte

Extra aus Hamburg angereist war der zur Bauzeit zustän­dige Partner im Büro Schweger + Partner Prof. Wilhelm Meyer, um sich zusammen mit der Bildungs­lei­terin Ute Lefarth-Polland – im Amt seit 1995 – an die Anfänge des „Kultur­bau­steins“ zu erinnern.

Über 30 Gäste lauschten vor dem Gebäude einer ersten Einord­nung der Entste­hung und der örtlichen Lage des Museums: Ende der 1980er-Jahre schob der kunst­in­ter­es­sierte damalige VW-Vorstands­vor­sit­zende Carl H. Hahn die Idee einer Kunst­halle für die Bürger der Automo­bil­stadt Wolfsburg an. Finan­ziert wurde der innova­tive Bau von der Stiftung eines vermö­genden Ehepaars, den Hollers, deren Name nun der Platz trägt, auf dem das Kunst­mu­seum in 5‑jähriger Bauzeit errichtet wurde.

Der dafür ausge­schrie­bene Wettbe­werb umfasste einige Bedin­gungen: Die Fußgän­ger­zone um das Kultur­haus des Archi­tekten Alvar Aalto sollte aufge­wertet werden, gleich­zeitig war das städte­bau­liche Ziel, einen Bezug zum Theater am Klievers­berg von Hans Scharoun herzu­stellen. Zudem, und das waren weitere Bedin­gungen des Wettbe­werbs, sollte eine Rathaus­er­wei­te­rung sowie eine Tiefga­rage mitge­plant werden.

Begeg­nungsort mit Konzept

Nach der theore­ti­schen Einfüh­rung kam die Praxis. Im leben­digen Dialog präsen­tierte Prof. Meyer die damaligen Entwurfs­ideen samt Umsetzung, während Frau Lefarth-Polland die Realität und einige daraus resul­tie­rende Änderungen erläu­terte. Los ging’s im Innen­be­reich: Die licht­durch­flu­tete Rotunde bildet nach wie vor den Eingangs­be­reich des Museums. Die Idee, den hellen offenen Raum als Begeg­nungsort anzulegen, funktio­niert bis heute. Hier trifft man sich mit Freunden zum Museums­be­such, sammelt sich in freudiger Erwartung des Kunst­ge­nusses, akkli­ma­ti­siert sich, legt Überflüs­siges ab und schaut sich um. Von der gewen­delten Treppe aus werden Begrü­ßungs­reden gehalten. Vor 30 Jahren, erzählt die Leiterin der Abteilung Bildung, befand sich hinter dem Eingangs­be­reich der große Museums­shop. Heute lädt ein modern einge­rich­tetes Café zum Plausch über Kunst und die Welt ein. Ein kleinerer Shop zwischen Foyer und Café bietet Kunst­ac­ces­soires und aktuelle Kataloge.

Die im Grundriss in Quadraten geplante Ausstel­lungs­halle ist flexibel mittels Wänden verän­derbar – eine Empore hilft beim Überblick von oben und akzen­tu­iert die Ausstel­lungs­fläche, erläu­terte Prof. Wilhelm Meyer. Genau deswegen bis heute zeitgemäß, ergänzte die Leiterin der Bildungsabteilung.

Funktio­nale Veränderungen

Beim Verlassen der gastli­chen Stätte, des Cafés, gingen die beiden Haupt­ak­teure auf die seit sechs Jahren fehlende Rampe ein. Sie war wegen der Rutsch­ge­fahr unfall­trächtig und diverse Verord­nungen machten einen Abriss nötig. Im gleichen Zuge wurde die Gastro nach unten erweitert und die Garde­ro­ben­si­tua­tion verändert. Statt einer Rampe verhilft heute ein Fahrstuhl in das 1. Geschoss.

Glas, Stahl und Energieeffizienz

Auf dem Weg um das Gebäude gönnten sich die Gäste der Führung einen ausgie­bigen Blick vom Ende der Fußgän­ger­zone auf den attrak­tiven Museumsbau. Es fällt die Vorliebe für Stahl und Glas auf, die diese ganz besondere Leich­tig­keit des Kubus erzeugt. Das ausla­dende Glasdach, das über dem Gebäude in quadra­ti­schen Pyramiden geglie­dert ist, behütet das Museum und weist optimis­tisch in den Himmel. Der Gedanke dabei war, sich mit der Kunst zur Stadt hin zu öffnen. Dies wird uns Teilneh­mendem nach ein paar Schritten hinter dem Museum klar. Denn gen Süden, an der Rückseite des Hauses, schottet es sich mit struk­tu­rierten Metall­platten vollständig ab. Dahinter befinden sich die Verwal­tung, das Depot und die Anlie­fe­rung, erfahren wir. Die Entschei­dung, Metall zu verwenden, war eine gute, denn diese Platten sehen fast aus wie neu. Sie sind langlebig und durch ihre dahin­ter­lie­gende Dämmung haben einen guten energe­ti­schen Standard.

Hinsicht­lich Sicher­heit und der konser­va­to­ri­schen Bedin­gungen ist das Museum in den letzten Jahren sehr gut aufge­stellt worden, berich­tete Frau Lefarth-Polland stolz. Die Standards von vor 30 Jahren waren überholt und sind angepasst worden – sie machen das Museum in Fachkreisen heute zu einem sehr anerkannten Haus. 

Wir sind nun mit unserer Gruppe an der vierten Seite des Hauses angekommen, wo offene Blick­achsen uns schon ankün­digen, dass wir den mit Kies ausge­legten japani­schen Garten von Nahem begut­achten werden. Wir erfahren, dass Carl Hahn hier sehr gerne arbeitete. Der Japan-Garten oder zeitweise auch Stein­garten mit dem Vorbild des Ryoanji-Tempel­gar­tens in Kyoto wurde 2009 als Ruhezone in der Stadt ergänzt. Er ist zurzeit nicht zugäng­lich, dies soll in abseh­barer Zukunft aber wieder möglich sein. Denn das Innen­hof­klima sei besonders im Sommer sehr angenehm, wenn man sich unter dem Betondach eine Pause gönne. Also Back to the Roots, die Ruhesu­chenden wird es erfreuen.

Kunst­ver­mitt­lung

Ein Stück weiter in Richtung Eingang passieren wir eine Art gefächerte Zone, die wenig Einblicke zulässt. Dahinter befindet sich heute die Kunst­ver­mitt­lung, die damals noch nicht angedacht war. Geplant war hier im ersten Entwurf noch eine Musik­bi­blio­thek als Neben­stelle der Stadt­bü­cherei im benach­barten Kultur­haus. Heute ist die Pädagogik hoch angesie­delt; viele Kurse, Aktionen und Seminare für Schulen finden hier ihren angemessen Platz. Die Raumauf­tei­lung war und ist flexibel genug, diese Angebote zu integrieren. Schon damals war die Planung clever, erläutert Frau Lefarth-Polland, denn es wurde von Anfang an in Leerrohre inves­tiert und genügend Strom­lei­tungen verbaut. Fazit: alles voraus­schauend gedacht und deshalb auch heute wunderbar nutzbar.

Zum Abschluss der Führung will ich von Prof. Meyer, dem Planer von vor 30 Jahren, wissen, was denn aus heutiger Sicht das Besondere an „seinem“ Bau sei. Seine Antwort: „Dass die Wolfs­burger überhaupt solch ein Museum haben, dass es angenommen und weiter­ent­wi­ckelt wird. Es hat unter­dessen ein weltweites Renommee erlangt. Das Gebäude hilft dabei, seinen Inhalt nach außen zu tragen.“ Dem ist nichts hinzu­zu­fügen, außer dass die aktuelle Ausstel­lung „Freischwimmen – Köpper in die Kunst!“ heißt und noch bis zum 28. September zu sehen ist … Wer sich die Archi­tektur mitsamt ihrer Kunst einmal kostenlos ansehen möchte, kann dies an jedem letzten Mittwoch im Monat tun.

Kunst­mu­seum Wolfsburg

Holler­platz 1

Dienstag bis Freitag 10–18 Uhr

Samstag und Sonntag 11–18 Uhr

Hier geht es zur Website des Kunstmuseums

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