Rhythmus der Jahreszeiten

FRÜHLING, SOMMER, HERBST UND WINTER: DIE NATUR BEWEGT SICH IM RHYTHMUS DER JAHRESZEITEN. WIE VERÄNDERT SIE WÄHRENDDESSEN IHR GESICHT? IM STADTWALD HABEN

WIR UNS EINEN SCHÖNEN ORT AUSGEGUCKT UND STADTFÖRSTER DIRK SCHÄFER ZU EINEM BESONDEREN SPAZIERGANG GEBETEN – DURCH EIN GANZES JAHR.

 

Leuchtender Herbst: Der Herbst schlagt aufs Gemüt? Stimmt schon. Die Tage werden kurzer, und irgendwie hat man das Gefühl, dass die Sonne uns verlassen hat und nie mehr wiederkommt. Heute jedoch empfangt uns der Herbst mit offenen Armen. Hier, an der Tommy-Quelle im Wolfsburger Stadtwald, ist die Luft klar und frisch, und es riecht nach frischer Erde. Goldenes Licht schimmert zwischen den Wipfeln der Rotbuchen, und überall leuchtet bunt gefärbtes Laub, das unter den Füßen knistert. Weil sich die Lebenssafte in die Rinde und Wurzeln des Baumes zurückziehen, verliert er sein Kleid. Die Blatter trocknen schlicht und einfach aus. Ein leichter Windstoß genügt, und das Blatt segelt gen Erdreich, um der gelbrotbraunen Decke einen weiteren Farbton hinzuzufügen. Für den Igel und auch für viele Insekten ist das Laub ein wichtiger Schutz. Die Tiere verkriechen sich darunter, damit sie es warmer haben.

Für einen Herbstspaziergang ist dieses hübsche Fleckchen Erde geradezu perfekt, findet Stadtförster Dirk Schäfer. „Im Stadtwald gehört dieser Ort zu den schönsten. Hier ist es so idyllisch, weil Wald und Wasser zusammen ein wunderbares Bild abgeben.“ Dazu kommt, dass sich eine nette Geschichte um die sprudelnde Tommy-Quelle rankt. Die Legende besagt, dass sie ihren Namen einem englischen Hauptmann verdankt, der sich gern und häufig am Wasser labte. Wo es nass am Boden ist, riecht das Laub schon modrig. Feucht ist es hier eigentlich immer. Der Stemmelbach, der sich unter der Brücke und zwischen den Baumen hindurchschlängelt, ist weit und breit das einzige Bächlein, das ganzjährig Wasser fuhrt. Waldbache trocknen sommertags meist aus.

Herbst

 

Knorriger Winter: Lausig kalt ist’s geworden. Seit dem Morgengrauen umhüllt ein dünner, weiser Flaum aus Frost und Schnee den harten Boden. Regelrecht nackt sehen die Rotbuchen aus, sie tragen keine Blatter mehr. Die Sonne macht sich rar. In einer flachen Bahn zieht sie über den Himmel, selbst mittags steigt sie nur noch knapp über den Horizont. Die Buchen bieten dem schneidend kalten Wind die Stirn. Jetzt zahlt sich aus, dass sie ihre Kleider losgeworden sind und dem Sturm kaum Angriffsflachen bieten. Im Winter muss der Baum mit seinen überlebenswichtigen Mineralstoffen knapp haushalten. In dieser bitteren Kalte hatte er seine Blatter nicht auch noch mit durchfuttern können.

Es liegt eine beruhigende Stille über der Tommy-Quelle, kaum ein Geräusch stört die Ruhe. Viele Vogel haben sich in den Süden aufgemacht. Andere Tiere wie der Igel halten Winterschlaf, weil es für sie nicht genug zu fressen gibt. Nichts los hier also? Mitnichten. In der Nacht, erzählt Dirk Schäfer, kommt Bewegung in die Bude. „Dann tauchen plötzlich größere Tiere wie Reh und Wildschwein auf, um nach Futter zu suchen.“ Die Spuren im Schnee verraten die Waldbewohner.

Der knorrige Winter gilt ja als die dunkle Jahreszeit. Morgens bleibt es lange duster, und am Nachmittag kehrt die Finsternis zurück. Da mutet es fast schon seltsam an, dass man ausgerechnet heute richtig weit gucken kann –so weit, wie zu keiner anderen Jahreszeit. Die Aste sind so kahl, dass sie nicht mehr den Blick zum Himmel versperren, der da oben einen ziemlich trüben Eindruck macht. Auch in den Wald hinein herrscht so weite Sicht wie sonst nie. Der wenige Schnee silbrig-hell, die Baume und der Boden dunkelfarben: Es ist so, als wurde man Schwarz-Weis-Fernsehen schauen, mit scharfen Konturen. Fühlt sich mal wieder lang an, die kalte Jahreszeit. Frei nach Matthias Claudius: „er Winter ist ein rechter Mann, kernfest und auf die Dauer“.

Winter

 

Entflammter Frühling: Singt da die Kohlmeise ihr schönes Lied? Oder ein Zaunkönig? Heute wird gepiept und gezwitschert, dass es eine Pracht ist. Im vielstimmigen Konzert der Vogelstimmen sind die Männchen die lautesten. Ihre Melodien trällern sie, um Rivalen aus dem Revier zu vertreiben. Und auch zu Ehren der eigenen Anmut, denn das große Schaulaufen, sprich: die Balz hat begonnen. In höchsten Tonen wird die Herrlichkeit besungen, um die Herzen von Weibchen zu entflammen.

Frühlingsgefühle zeigen auch die Rotbuchen. Besonders die zierlichen, nicht so hochgewachsenen Baume verspuren einen kräftigen Energieschub. Im Vergleich zu den älteren Artgenossen ist ihr Blätterkleid üppiger. Das hat seinen guten Grund: Die kleineren Buchen müssen sich sputen. Wenn die Riesen neben ihnen erst einmal ihr lichtundurchdringliches Blätterdach fertig gebaut haben, scheint die Sonne nicht mehr so schon auf sie herunter wie jetzt. „Die jungen Bäume im Unterstand treiben früher aus als die älteren“, erklärt Dirk Schäfer. Sie nehmen jede Lichtdusche mit, die sie bekommen können, „bevor ihnen von den Altbaumen sozusagen der Sonnenhahn abgedreht wird“. Die Rotbuchen sind die stillen Herrscher des Waldes, sie dulden niemanden neben sich. „mit ihrem Schattenwurf prägen sie das Landschaftsbild. Hier konnte keine Eiche oder Erle wachsen.“

Endlich Frühling, endlich Blumen: Hier und da verstecken sich ein paar Buschwindröschen, die jetzt wachsen und einen weißgrünen Blütenteppich bilden. Nicht nur das Gezwitscher der Vogel schwillt an, auch der Stemmelbach ist ein bisschen fülliger. Was kein Wunder ist: Schnee und Eis sind geschmolzen und über kleine Rinnsale in den Bach gelangt. Dieses Wasser ist das Überbleibsel aus einer Zeit, die inmitten des hervorsprießenden Grüns Lichtjahre entfernt scheint. Im Wald herrscht Aufbruchsstimmung.

 

Frühling

 

Mystischer Sommer: Was für ein Pomp! An den Sommer stellen die meisten von uns ja die höchsten Erwartungen, und das Plätzchen rund um die Tommy-Quelle erfüllt sie heute alle. Der Wald zeigt seine ganze Pracht, das Grün ist überbordend. Beim Blick in den Himmel scheint es keinen Quadratzentimeter zu geben, der nicht von den Blättern bedeckt ist. Jeder einzelne Baum ist dicht belaubt. Auch den Waldbewohnern hat es offensichtlich die Sprache verschlagen bei so viel Schönheit, nur vereinzelt hört man ihre Stimmen. Vorbei sind die Brutsaison und damit die Sturm-und-Drang-Zeit der Vögel. Angesagt sind Ruhe und Entspannung. Obwohl die Sonne vom Himmel brennt, ist es angenehm kühl. Weil die Bäume ständig Wasser abgeben und die Verdunstung die Temperatur purzeln lässt. Und weil der Wald Schatten spendet.

Dass helllichter Tag ist, erkennt man nur an den Lichtreflexen, die ab und an über den Boden tanzen. Es ist sogar so schattig, dass diesen Ort etwas Geheimnisvolles umgibt. Es braucht nur ein kleines bisschen Fantasie, und der Wald scheint so, wie wir ihn aus einem guten Märchen kennen. Einerseits ist er beeindruckend schön, andererseits undurchdringlich groß. Ja, mystisch. Was sich um einen herum wohl alles verbirgt? Hinter jedem Baum könnte… Auf dem Pfad wandernde Spaziergänger holen einen wieder in die Realität zurück. Auch sie erfreuen sich an dem satten Grün und der guten Luft.

 

Sommer

Hier im Stadtwald kann man abschalten, auftanken und vieles mit nach Hause nehmen. Und sei es neben der neuen Frische nur der gute Gedanke, den Kindern mal wieder ein märchenhaftes Buch vorzulesen und in die Geschichte die vielen überwältigenden Sinneseindrücke einzuweben. Auch Stadtförster Dirk Schäfer gefällt’s im Wald. „Wir Wolfsburger müssen nicht weit fahren, um uns Naturschönheiten anzuschauen. Wir finden sie direkt vor unserer Haustür.“

boy