Sich selbst und den Tieren zuliebe

Spätestens seit das berühmteste Wolfsburger Original-Ersatzteil, die VW-Currywurst, auch als vegane Variante angeboten wird, ist die tierproduktfreie Ernährung ein Gesprächsthema in der Stadt. Doch Veganismus reicht über den Tellerrand hinaus. Es handelt sich um einen Lebensstil, um eine Überzeugung, die alle Bereiche des Alltags umfasst.

Veganer leben asketisch, sind mangelernährt und tragen selbstgestrickte Socken und Biolatschen. Dieses Vorurteil hält sich immer noch hartnäckig. Wer Miriam Mletzko und

Andreas Gröppler (c) Sebastian Dorbritz

Ronny Liebing kennenlernt, kommt schnell zu der Erkenntnis, dass in dieser „Weisheit“ nicht einmal ein Fünkchen Wahrheit steckt. Die 25-jährige Miriam strich aus gesundheitlichen Gründen vor vier Jahren tierische Produkte komplett vom Speiseplan. Eine Eiweißallergie zwang sie zu diesem Schritt. „Von da an habe ich mich mit dem Thema Veganismus beschäftigt“, sagt sie. Schnell bemerkte die Sportlerin damals, dass sie durch die vegane Ernährung beim Triathlon bessere Ergebnisse erzielt. So entwickelte sich aus der Not eine Überzeugung.
Heute benutzt Miriam Mletzko in der Küche keine Fertigprodukte mehr, sondern kocht alles frisch. So kann sie sicher sein, nichts zu sich zu nehmen, was sie eigentlich nicht möchte. Auch im Kleiderschrank, im Badschrank und im Putzeimer spiegelt sich ihre Einstellung wider. Miriam Mletzko kauft keine Wollpullover mehr, keine Daunenjacke, keine Lederschuhe. Sie achtet darauf, dass für das Reinigungsmittel kein Tier gequält wurde und benutzt vegane Kosmetikprodukte.

Dazu zählt auch eine mit Vitamin B12 angereicherte Zahnpasta. So beugen Miriam Mletzko und Ronny Liebing einem Vitamin B12-Mangel vor. Denn dieses Vitamin wird von Veganern auf natürlichem Wege nicht aufgenommen. „Darauf müssen wir achten, aber Vitamin B12-Mangel ist kein rein veganes Problem. Besonders ältere Menschen haben hier oft Defizite, sagt Andreas Gröppler. Eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung in Verbindung mit Sport helfe aber, Vitaminmangel zu vermeiden.

Ronny (c) privat

Bei Ronny Liebing liegt die Entscheidung, kein Fleisch mehr zu essen, schon 32 Jahre zurück. „Als Kind war ich mal mit meinem Opa in einer Schlachterei. Ich sah die Kühe an den Haken hängen – das war für mich die Initialzündung, Vegetarier zu werden“, erinnert sich der 38-jährige Wolfsburger. Seit seiner Einschulung hat er kein Fleisch mehr gegessen – als einziges Mitglied der Familie.

Heute läuft Ronny Liebing Marathon und nimmt am Triathlon-Wettkampf „Ironman“ teil. „Durch den Sport habe ich mich viel mit dem menschlichen Körper und der Ernährung befasst.
Vegan war deshalb naheliegend“, sagt er. Seit etwa vier Jahren lebt Ronny Liebing vegan, auch er hat mit der Ernährung angefangen. Später identifizierte er sich komplett mit der Idee des Veganismus. Der Gedanke des Umweltschutzes spielt für ihn eine große Rolle, und natürlich der Tierschutz. „Ich gehe beispielsweise auf Demonstrationen, wenn es um Tierschutz
geht.“ Als dogmatisch würde sich Ronny Liebing nicht bezeichnen, aber „ich vertrete meine Meinung. Wenn sich eine Plattform bietet, zeige ich Gesicht“.

„Der Mensch hat nicht das Recht, Tiere einzusperren und zu töten“, bringt es Andreas Gröppler auf den Punkt. Er hat sich vor sechs Jahren aus ethischer Überzeugung der veganen Lebensweise zugewandt. Und er meint, dass es nie einfacher war als heute, vegan zu leben. „Käseersatz und Sojadrinks schmeckten vor zehn Jahren grausig. Heute gibt es in jedem Laden Alternativen zu Wurst und Fleisch.“

So braucht auch Miriam Mletzko nicht mehr Zeit für den Einkauf als fleischessende Mitmenschen, und mehr Geld gibt sie auch nicht aus. Doch gerade die Kennzeichnung der Waren lasse häufig

Miriam (c) privat

zu wünschen übrig, beklagt Andreas Gröppler. „Ich denke jeder Bürger hat ein Recht darauf zu erfahren, was genau in Lebensmitteln und Konsumgütern steckt und was nicht. Wer geht schon davon aus, dass in Kartoffelchips Rinderextrakt, in bestimmten Brotsorten Cystein aus Schweineborsten steckt, oder Fruchtsaft und Wein mit Gelatine geschönt beziehungsweise gefiltert wurden.“
Zuverlässige Informationen über die Inhalts-stoffe der Speisen sind auch ein Thema, wenn Veganer außer Haus essen. Sie wollen sich darauf verlassen, dass ihre Fragen im Restaurant ernst genommen werden und man notfalls nochmal in der Küche nachfragt. Auf seiner Website wolfsburg-vegan.de hat Andreas Gröppler eine umfangreiche Liste von Restaurants mit veganem Speisenange-bot erstellt. Sich von japanisch über mediterran und deutsch bis hin zu mexikanisch einmal durch die Küchen der Welt zu essen – das ist in Wolfsburg auch vegan möglich.
Miriam Mletzko räumt Vorbehalte gegenüber der veganen Küche und Lebensweise auf ihre Weise aus der Welt. Als sie kürzlich auf der Arbeitsstelle die Abteilung wechselte, servier-te sie zum Einstand einen selbstgebackenen veganen Kuchen. „Die Kollegen waren angenehm überrascht und erstaunt“, erinnert sie sich. Hat wohl sehr gut geschmeckt.

BZ

 

(Ausgabe Mai 2016)

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