Start-up zweitwerk

Ein Fall für zwei

Mit ausgedienten Bremsscheiben von Porsche und einem V8-Motorblock von Audi fing vor zehn Jahren alles an. Mit seinem Gespür für Technik und einem Schuss Fantasie verwandelte Robin Rössler die ausrangierten Autoteile zu Wanduhren und Tischen. Was seinerzeit eine große Leidenschaft war, hat sich zur außergewöhnlichen Geschäftsidee entwickelt: Mit dem Start-up zweitwerk rettet der 43-Jährige Wertstoffe vor der Entsorgung und macht aus ihnen elegante Wohnaccessoires.

Wenn in der Automobilindustrie Fahrzeuge gebaut werden, fällt unausweichlich Ausschuss an: Bauteile, die zwar den ursprünglichen

Geschäftsführer vom Start-up zweitwerk
(c) WMG Wolfsburg, Foto: Sylwia Kalowski

Verwendungszweck nicht erfüllen können, doch im Grunde weiterhin neu und hochwertig sind. Da liegt es doch nahe, ihnen eine neue Funktion zu erteilen und ein zweites Leben zu schenken. „Wir formen aus den Materialien Designobjekte für das Zuhause“, sagt Robin Rössler. Wir – das sind er und Lilly Gatz. Mithilfe des volkswageneigenen Start-up-Programms haben die beiden ihr eigenes Unternehmen gegründet. „Lilly hat BWL studiert und ist Künstlerin, meine Aufgaben sind das Unternehmerische und Technische“, sagt er, „zusammen bilden wir eine gute Symbiose.“

Um aus der Geschäftsidee ein Start-up zu machen, brauchte es einen langen Atem und viel Überzeugungskraft. Eine Idee ist nur so gut, wie sie verkauft wird – so auch beim Pitch unter dem Dach von Volkswagen, wo Robin Rössler mit den Ideen anderer um die Unterstützung von Mentoren und Coaches konkurrierte. „Es war ein bisschen so wie bei ‚Die Höhle der Löwen‘ im Fernsehen“, erinnert sich Robin Rössler an die vielen Augenpaare, die während der Ideenpräsentation auf ihn gerichtet waren – und auf die bemerkenswerten Produkte zur Wohnraumgestaltung, die er mitgebracht hatte: die Uhr aus der Bremsscheibe, die Leuchte aus Bremsdruckleitungen und den Beistelltisch aus Zahnstangen.

Um es kurz zu machen: Seine formvollendeten Objekte kamen super an, der Pitch war erfolgreich. „Alle sind ziemlich fasziniert davon, was man aus Ausschussmaterialien alles gestalten kann.“ Und nicht nur das: „Der nachhaltige Umgang mit Wertstoffen passt perfekt in unsere Zeit.“

In den folgenden Monaten widmete sich Robin Rössler typischen Gründerpflichten: Businessplan schreiben, Lieferketten aufbauen, Produktrecht studieren. Gemeinsam mit der Uni Magdeburg lobte das Wolfsburger Start-up einen Wettbewerb unter Design-Studierenden aus, die mit ihrer Kreativität das Produktsortiment um weitere Komponenten bereicherte. Darüber hinaus brachten Produktdesigner ihre frischen Ideen in die Entwicklung ein. „Zurzeit stehen wir bei 38 Objekten“, erzählt Robin Rössler.

Wenige Tage vor Weihnachten konnte zweitwerk, beheimatet in der E-Mobility-Station, der Käuferschaft die ersten zwei Produkte aus seiner Palette präsentieren: zum einen Garderoben aus massiven Achszentralschrauben, die das Radlager befestigen; und zum zweiten Kerzenständer aus stahlharten Achshülsen, auf denen die Radlager befestigt sind. „In ein Geschäft zu gehen und die eigenen Produkte in den Regalen sehen zu können, ist ein tolles Gefühl“, sagt Robin Rössler. „Dieses Jahr stehen Werbung, Marketing und Vertrieb an, damit wir bekannter werden und uns weiterentwickeln können. Eigentlich geht es erst jetzt so richtig los.“

Ab und an wird Robin Rössler gefragt: Jetzt mal Hand aufs Herz – ist der Weg von der guten Geschäftsidee zum erfolgreichen Unternehmen nicht viel zu lang und risikoreich? Dann antwortet er, dass er zu keinem Zeitpunkt daran gezweifelt hat, genau das Richtige zu tun. „Meine Aufgaben sind so bunt und facettenreich, jeden Tag lerne ich neue interessante Menschen kennen. Meine Antwort lautet immer: Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.“

boy

Beitragsbild: (c) zweitwerk

DEIN WOLFSBURG, Ausgabe 15, Sommer 2022

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