#tdn17 Tradition trifft Hashtag

Vom 1. bis 3. September findet in der Wolfsburger Innenstadt der 35. Tag der Niedersachsen statt: eine Veranstaltung zwischen Trachten und Smartphone-Apps, zwischen altem Handwerk und E-Mobilität; ein Schaufenster für das Land Niedersachsen und das digitale Wolfsburg – und ein tolles Fest für die Bürger und ihre Gäste.

Schon die Kommunikation zeigt, dass da etwas anders läuft: Der Stadtwappen-Wolf kommt in angesagter Polygon-Optik daher, die man sonst aus der Start-up-Szene kennt – und aus der Wortmarke „Tag der Niedersachsen 2017“ wird der knappe Hashtag #tdn17 destilliert. Der ist nicht nur hippes Design-Element, sondern ein ehr­licher Appell: Teilt eure Begeisterung für den Tag der Niedersachsen, eure Eindrücke mit anderen. Teilt sie in Statusmeldungen auf Facebook, als Kurznachrichten auf Twitter und als Videobotschaften auf YouTube.

Klar: Vernetzung ist schon immer ein Kerngedanke der traditionsreichen Veranstaltung, stärkt sie doch per Definition den Austausch zwischen Vereinen, Verbänden, Institutionen, Bürgern und den niedersächsischen Kommunen. In Wolfsburg aber wird sie erstmals bewusst um die digitale Komponente erweitert. Das ist nicht nur konsequent für eine Stadt, die sich um den Titel „Digitale Stadt“ des renommierten Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, kurz: Bitkom, bewirbt; das passt auch in eine Zeit, in der die Transition in eine vernetzte, digitale Welt auf der globalen Agenda steht.

Ob das Altbewährte da noch Platz hat? Das hat es – wie der Tag der Niedersachsen in Wolfsburg zeigen wird. Tradition und Transition sind hier kein Gegensatzpaar, sondern das eine ist Impulsgeber für das andere: „Wir wollen alle Teilnehmer dazu motivieren, das Thema Digitalisierung ernst zu nehmen und daraus Ideen für den Tag der Niedersachsen zu generieren“, erklärt Dennis Weilmann, Kommunikationschef der Stadt Wolfsburg und Mitglied des Organisationsteams, das sich aus Mitarbeitern der städtischen Kommunikation, des Ordnungsamtes sowie der Wolfsburg Wirtschaft und Marketing GmbH (WMG) zusammensetzt.

In gerade einmal neun Monaten schaffen die drei starken Partner einen Veranstaltungsrahmen, in dem alles seinen Platz hat, was Niedersachsen ausmacht: Berge und Meer, Partystimmung und klassische Musik, Trachten-Umzüge und Smartphone-Apps, altes Handwerk und E-Mobilität. Geboten wird ein Programm für alle Generationen mit vielfältigen Angeboten rund um Kultur, Sport, Bildung und gesellschaftlichem Engagement. Dazu wurde die Festmeile in Wolfsburg nach Norden erweitert und erstreckt sich nun vom Theater bis hinein in die Autostadt, die als Partner an Bord ist.

Das gut zwei Kilometer lange Open-Air-Schaufenster des Landes Niedersachsen und mehr als 300 teilnehmende Institutionen mit rund 6.000 Aktiven in Verkehrsplanung und Versorgungskonzepte einzubinden, ist gemeinsam mit der WMG Aufgabe des Ordnungsamts. Und der stellen sich die Mitarbeiter von Michael Sothmann, Leiter des zuständigen Geschäftsbereichs Bürgerdienste, gern: „Wir haben uns einen Namen als Stadt gemacht, die solch ein Großereignis stemmen kann. Schließlich haben wir schon viele Großveranstaltungen durchgeführt und somit zahlreiche Erfahrungswerte, auf die wir aufbauen können“, erklärt er selbstbewusst. Und dieses Selbstbewusstsein ist angebracht: Bisher ist Wolfsburg die einzige Stadt, die vom Niedersächsischen Innenminister zum dritten Mal gefragt wurde, ob sie das Landesfest ausrichten will.

Und natürlich hat man Ja gesagt. Ja zu einem Fest mit Strahlkraft bis nach Hannoversch Münden im Süden und bis hoch nach Cuxhaven. Ja zu drei bunten Tagen mit Aktionen zum Anschauen, Bestaunen und Mitmachen und einem Programm für Jung und Alt bestehend aus Akrobatik, Tanz und Musik-Acts von internationalen Künstlern, aber auch Local Heroes, die die niedersächsischen Radiosender NDR, radio ffn, Hit-Radio Antenne Niedersachsen, RADIO 21 sowie Radio38 und Radio Okerwelle auf die Bühnen bringen. Und Ja zu hoher medialer Präsenz: nicht nur durch das NDR-Fernsehen, das den großen Trachten- und Festumzug am 3. September live überträgt, sondern auch durch Regionalmedien, die über die Veranstaltungen aus verschiedenen Perspektiven mit unterschiedlichen Schwerpunkten berichten.

Das ist ein Ja, von dem Wolfsburg auch wirtschaftlich profitiert, davon ist Joachim Schingale, Geschäftsführer der WMG, überzeugt: „Der Tag der Niedersachsen hat eine große Fangemeinde und Strahlkraft, die viele Besucher anzieht, die sonst vielleicht nicht nach Wolfsburg kommen würden.“ Damit ist der Tag der Niedersachsen gleich mehrfach eine Win-Win-Situation: Wolfsburg wird als Touristenstandort und digitale Stadt sichtbar – die Wolfsburger erleben ein Fest, das so bunt und modern und vielfältig ist wie ihre Heimatstadt im Herzen Niedersachsens.

FEST STATT FESTUNG

Wo gut 300.000 Menschen zusammenkommen, ist Sicherheit ein großes Thema. Für das Expertenteam aus städtischen, ehrenamtlichen und privaten Einsatzkräften gibt es jedoch eine klare Prämisse: Sicherheitskonzept und Festcharakter müssen beim Tag der Niedersachsen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen.

Der Eimer Wasser neben dem Weihnachtsbaum – das ist im Kleinen, was Michael Sothmann im Großen tut: für alle Eventualitäten vorsorgen. Gemeinsam mit einer Arbeitsgruppe aus den Veranstaltungsplanern der Wolfsburg Wirtschaft und Marketing GmbH, Berufsfeuerwehr, Polizei, Städtischem Ordnungsdienst und Hilfsorganisationen wie dem Technischen Hilfswerk Wolfsburg entwickelt der Geschäftsbereichsleiter Bürgerdienste der Stadt Wolfsburg das Sicherheitskonzept für den Tag der Niedersachsen.

„Nach den Vorfällen bei der Love Parade in Duisburg hat das Thema Sicherheit in der Veranstaltungsplanung einen höheren Stellenwert bekommen. Für alle Veranstaltungen ab einer Größe von erwarteten 5.000 Besuchern müssen wir ein Sicherheitskonzept erstellen“, erläutert Sothmann. Und bei mindestens 300.000 Besuchern, mit denen die Veranstalter während der drei September-Tage rechnen, steigen die Anforderungen noch einmal: „Unsere Arbeit ist insgesamt sehr personalintensiv“, betont Sothmann. Denn die Experten müssen eine Vielzahl an Einzelaspekten berücksichtigen – insbesondere im Hinblick auf eben jene hohe Besucherzahl: „Bei so großen Menschenmengen könnte es Bereiche geben, in denen es zeitweise richtig eng werden kann. Insbesondere während der Top-Acts im Bühnenprogramm erwarten wir viel Andrang“, betont der Geschäftsbereichsleiter.

Da ist es beruhigend zu wissen, dass Sicherheitspartner wie das Technische Hilfswerk mit genau solchen Situationen eine Menge Erfahrung haben: „Wir waren sowohl beim 75. Stadtgeburtstag vor Ort, sichern aber auch regelmäßig das Sommerfest der IG-Metall ab“, berichtet Ortsbeauftragter Thomas Siber Tischer. Im Einsatz sind die Katastrophenhelfer grundsätzlich mit einem sogenannten Lichtmastkraftwagen, dessen Flutlichtanlage eine Fläche mit der Größe eines Fußballfelds in Sekunden taghell erleuchten kann. „Ohnehin ist Notstrombeleuchtung bei Veranstaltungen ein großes Thema“, weiß Thomas Siber Tischer. Denn wenn wirklich Panik ausbricht, müssen Fluchtwege gezielt ausgeleuchtet werden. Dazu verfügt das Technische Hilfswerk über Leuchtballons, die nicht ans reguläre Stromnetz angeschlossen sind, sondern Energie von einem Dieselmotor beziehen.

Zusätzlich zu städtischen und ehrenamtlichen Einsatzkräften wird für den Tag der Niedersachsen auch Personal von privaten Sicherheitsdiensten eingesetzt. „Sie werden vor allem die Bühnen samt Technik über Nacht bewachen“, erklärt Michael Sothmann. Zudem sollen sie gemeinsam mit Mitarbeitern vom Städtischen Ordnungsdienst dafür sorgen, dass beispielsweise Straßensperrungen beachtet oder Parkregeln eingehalten werden. Dazu ist das Sicherheitskonzept eng mit dem Verkehrskonzept verknüpft.

„Grundsätzlich sollte man das Thema Sicherheit mit Augenmaß behandeln. Man muss einen guten Kompromiss finden, um verantwortungsvoll mit Risiken umzugehen, aber auch nicht den Festcharakter zu zerstören“, betont der Geschäftsbereichsleiter stellvertretend für das Planungsteam. Ein Blick in die Geschichte des Tags der Niedersachsen gibt den Experten Recht: In 36 Jahren Tag der Niedersachsen gab’s für Feuerwehr, Polizei oder Rettungsdienste keine nennenswerten Einsätze. Und das soll auch so bleiben.

GEMEINSAM NIEDERSACHSEN SEIN

Die Jugendlichen aus den Vereinen der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung freuen sich, mal nicht zu snapchatten, sondern Freunde aus dem ganzen Bundesland auf der Festmeile direkt zu treffen. Und die Mitglieder der Trachtengruppe De Steinbekers denken darüber nach, welchen Gewinn sie aus digitalen Medien für ihr Vereinsleben ziehen können. Verkehrte Welt? Nein – einfach nur: typisch Niedersachsen.

Trachten sind out? Altes Handwerk – sowas von öde? Und Tänze aus vergangenen Jahrhunderten vorführen – peinlich? Wer das glaubt, oder schlimmer noch: behauptet, war noch nie bei einem Auftritt von De Steinbekers. Die Trachtengruppe aus Nordsteimke ist der höchst lebendige Beweis dafür, dass Tradition nichts für die Mottenkiste ist, sondern die Generationen verbindet. „Sorgen um den Nachwuchs müssen wir uns nicht machen“, erklärt Achim Pollex, der erste Vorsitzende des Vereins zur Brauchtumspflege, auch und gerade nicht im Zeitalter von Facebook und Online-Games.

Fakt ist: De Steinbekers – und freilich auch die anderen Gruppen im Landestrachtenverband Niedersachsen – werden von Kindern und Jugendlichen als willkommene Alternative zu digitalen Welten wahrgenommen. „Wir bieten Zusammengehörigkeitsgefühl – und Erfahrungen, die junge Menschen am Computer nicht machen können“, so Achim Pollex. Frische Milch zu Käse zu verarbeiten, Reisig zu einem Besen zu binden oder aus rotglühendem Eisen einen Nagel zu schmieden, das übt gewaltige Faszination aus. Ganz ähnliche Erfahrung macht auch Insa Lienemann, Geschäftsführerin der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Niedersachsen, die unter dem Motto „Hin und weg“ das Kinder- und Jugendkulturprogramm beim Tag der Niedersachsen in Wolfsburg gestaltet: „Junge Menschen schätzen gute Gemeinschaften. Beim Tag der Niedersachsen dabei zu sein, ist vielen so wichtig, dass sie andere Veranstaltungen absagen.“

Stattdessen werden rund 300 Kinder und Jugendliche aus den Mitgliedsorganisationen der Landesvereinigung gemeinsam ein erstaunliches Kulturspektakel auf die Bühne am Kunstmuseum bringen, ergänzt um ein nicht minder buntes Mitmachprogramm. Als Fachleute für die Zusammenführung der Themen Kunst und Mobilität werden sich dabei zum Beispiel die Kinder präsentieren, die phantastische Fahrzeuge wie einen ICE-Zug aus verschiedenen Materialien konstruiert haben. Daneben gibt’s unter anderem ein rollendes Tonstudio, Vorführungen des Jugendzirkus Circ´A Holix oder ein Open-Air-Sommerkino. Apps und Virtuelle Realität – vielleicht. Viel wichtiger ist es den jungen Teilnehmern aber, gemeinsam zu gestalten, die Atmosphäre bewusst zu genießen; ein Trend, den man durchaus auch als Emanzipation von der Oberflächlichkeit der allgegenwärtigen Sozialen Medien auffassen kann.

Genau das ist eine Erkenntnis, die der Tag der Niedersachsen als Veranstaltungsreihe vermittelt: Die jungen Digitalen auf der einen Seite und die alten Traditionsbewussten auf der anderen Seite – das ist eine Abgrenzung, die so nicht funktioniert; nein, die unfair ist. So denken De Steinbekers längst darüber nach, welchen Gewinn sie aus den neuen Technologien für ihre Vereinsarbeit ziehen können. Twittern über Trachten? „Wir müssen mit der Technik mitgehen“, betont Achim Pollex. Und damit sind die Nordsteimker nicht allein: „Der Landestrachtenverband und seine Mitgliedsvereine sind sehr innovativ“, findet auch Insa Lienemann.

Wenn De Steinbekers also beim Tag der Niedersachsen historische Trachten, Tänze und Tätigkeiten aus dem Braunschweiger Land des 17. und 18. Jahrhunderts auf der Bühne und am eigenen Stand vorführen, dann ist das keineswegs altertümelnd, sondern genauso zeitgeistig wie Hashtags und Hotspots. Weil sich daraus die zentrale Botschaft des Tag der Niedersachsen speist: Ein Miteinander entsteht durch gleichberechtigte Offenheit für alte Tradition, neue Ideen und die jeweils anderen Generationen und Kulturen. Denn gemeinsam sind sie Niedersachsen.

AK