Tiergehege Wolfsburg

Pfauenruf und Entengeschnatter, Klanghölzer und Insektensummen. Seit knapp 60 Jahre ist das Tiergehege Wolfsburg ein kleines Naturparadies mitten in der Stadt.

Im Frühjahr zur Balzzeit ist es der charakteristische, fast klagende Ruf des Pfaus, untermalt vom Gezwitscher der Nymphensittiche, dem Meckern der Greifvögel, dem Klopfen des Spechts, dem Geschnatter der Enten, dem Gurren und Lachen der Tauben. Und des Abends zur Dämmerstunde kann man das Rascheln der Igel hören, wenn man ganz geduldig ist.

All diese Geräusche markieren ein Naturidyll, die normalen Stadtgeräusche, Autolärm und Co. sind hier weit, weit weg: Das Wolfsburger Tiergehege liegt inmitten eines Naturdenkmals, dem stillgelegten Steinbruch am Wolfsburger Klieversberg, direkt hinter dem Klinikum und dem Ehrenmal in der Nähe der Porschehütte. Der Tierliebhaber und Jäger Carl Schindler hatte mit großem Engagement und aus Eigeninitiative heraus mit ein wenig Unterstützung der Stadt Wolfsburg auf dem 20.000 Quadratmeter großen Areal seit 1957 ein Wildgehege betrieben, das Rehen, Hirschen und sogar Wölfen und Luchsen eine Heimat gab.

Vom Wildgehege zum Tiergehege mit Ziervögeln und Kleintieren 

Heute beherbergt das Tiergehege etwa 150 Tiere, aber nur noch Ziervögel und Kleintiere – wie die Pfauenfamilie, die in der Regel die meiste Aufmerksamkeit auf sich zieht, Gold- und Jagdfasane, Puten, Haus-, Diamant- und Lachtauben, Kaninchen und Meerschweinchen, Lockengänse, Laufenten, Hühner, allerlei Ziervögel wie Wellen-, Nymphen-, Sonnen- und Halsbandsittiche, Kanarienvögel, Zebrafin-ken und die „Unzertrennlichen“: Agarponiden. „Für Wölfe und auch Rotwild hat unser Tiergehege schon lange keine Genehmigung mehr, eigentlich seitdem Herr Schindler verstorben war. Für Tierhaltung und Artenschutz gibt es klare Kriterien und unser Areal ist dafür einfach zu klein“, erläutert Marianne Blisse, die seit gut zehn Jahren ehrenamtliche Betreiberin des Tiergeheges und erste Vorsitzende des Fördervereins FöTiWo e. V. ist, der sich um die Belange des Tiergeheges kümmert.

2004: Ein Förderverein rettet das Tiergehege

Ein wichtiges Amt: Hätte sich Marianne Blisse nicht gemeinsam mit einigen anderen engagierten Bürgern Ende der 90er Jahre nach einer Bürgerversammlung zum Tiergehege in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengetan und schließlich im Jahr 2004 den Förderverein fürs Tiergehege gegründet, wer weiß, was aus diesem Gelände geworden wäre. „Damals stand es wirklich Spitz auf Knopf. Das Aus des Tiergeheges drohte, weil die Stadt nicht mehr allein gemeinsam mit einigen wenigen Bürgern das Tiergehege betreiben wollte; es musste ein neuer Träger her“, erinnert sich Marianne Blisse und lächelt verschmitzt: „Als damals in der Zeitung zur Bürgerversammlung eingeladen wurde, sagte mein Mann nur, er wisse schon, wer die Versammlung mit vielen Ideen aufmischen würde: seine eigene Frau.“

Marianne Blisse: Von Kindheit an mit dem Tiergehege verbunden

Marianne Blisse, Ehrenamtliche im Tiergehege Wolfsburg, hat ein Kaninchen auf dem Arm
Marianne Blisse (c) Sebastian Dorbritz

Der Grund für diese Verbundenheit zum Tiergehege Wolfsburg ist viele Jahrzehnte alt: „Ende der 50er Jahre ist meine Familie aus Velpke an den Laagberg gezogen. Dort war ich immer in Wald und Feld herumgestromert, und so waren meine Eltern und ich sehr dankbar, dass es hier das Tiergehege gab. Fast jedes Wochenende packten wir unseren Picknickkorb und verbrachten viel Zeit hier. Im Herbst habe ich immer fleißig Kastanien und Bucheckern für das Rotwild gesammelt“, erzählt die Vereinsvorsitzende.
Alles ehrenamtlich im Griff Wer so viele Anknüpfungspunkte und schöne Erinnerungen ans Tiergehege hat, der lässt es nicht so einfach fallen. Deswegen engagiert sich Marianne Blisse seit über 15 Jahren ehrenamtlich im Tiergehege und hat gemeinsam mit ihren Vorstandskollegen den Verein auf solide Füße gestellt: Zwei Tierpfleger bekommen ein monatliches Gehalt und kümmern sich abwechselnd um die Pflege der Tiere. Ein jährlicher Zuschuss der Stadt und Spenden sowie Mitgliedsbeiträge ermöglichen dies. Marianne Blisse und ihr Team haben alles im Griff. Ehrensache, Ehrenamt.

Das Tiergehege: Ausflugsziel, außerschulischer Lernort, Therapiezentrum

Das Tiergehege Wolfsburg ist eine beliebte Anlaufstelle, Ausflugsziel, außer-schulischer Lernort und Therapiezentrum zugleich: „Montags kommen regelmäßig die Kinder von der Station E aus dem Klinikum und aus der Villa Bunterkunt, wenn das Wetter stimmt. Wir backen dann Stockbrot oder Marshmallows, streicheln die Tiere oder harken auch mal Laub, ganz wie es die Konstitution der Kinder erlaubt.  Sie haben auch schon in der Klinikwerkstatt kleine Brutkästen für die Volieren hergestellt und mitgebracht.“ Kindergärten und Schulen sind regelmäßig zu Gast im Tiergehege – der Kindergarten am Laagberg kommt immer wieder zu Besuch, Schülerinnen und Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums sind bei den Projektwochen zu Gast, die Käferschule veranstaltete vor einiger Zeit einen Sponsorenlauf zugunsten des Tiergeheges. Auch für die Ausrichtung von Kindergeburtstagen ist das Tiergehege beliebt: Neben dem obligatorischen Stockbrotbraten gibt es Naturbasteleien oder auch eine Gehege-Rallye im Angebot, Tiere streicheln ist immer mit dabei, und „das Geburtstagskind bekommt eine Pfauenfeder geschenkt“, versichert Marianne Blisse.

Dank Arbeitseinsätzen alles in Schuss

Regelmäßige ehrenamtliche Unterstützung ist für das Tiergehege Wolfsburg existenziell wichtig. Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein veranstaltet der Förderverein regelmäßig jeden zweiten Samstag im Monat einen Arbeitseinsatz, zu dem Freiwillige herzlich eingeladen sind. Es gibt immer viel zu tun: Die Volieren müssen ständig erneuert werden, vor zwei Jahren wurde das neue Kaninchenhaus fertiggestellt. „Wir freuen uns immer sehr über Unterstützung. Vor einiger Zeit hatte die Autostadt einen ganzen Tag lang mit 30 Mitarbeitern angepackt. Da haben wir gut was weg geschafft“, erzählt die Vereinsvorsitzende.

SRB

(Ausgabe Mai 2018)

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