Mädchen mit Zöpfen, öffentliche Kunst in Wolfsburg

Urbi et alles in Obi

Kales“, sagte mein Germa­nis­tik­pro­fessor einmal, „Sie rufen zum Wechseln einer Glühbirne auch den Elektriker.“ Und, nein, das war keine Belei­di­gung. Das war der Ausdruck tiefster Anerken­nung zwischen zwei ausge­machten Theore­ti­kern; zwei Menschen, die Gramma­tiken lesen wie andere Groschen­ro­mane und für die Heavy Armchair Sitting der Gipfel sport­li­cher Betäti­gung ist. Auch wenn ich heute durchaus – und mangels des Salärs einer W3-Professur notge­drungen – praxis­taug­li­cher bin: Noch immer habe ich höchste Anerken­nung vor Menschen mit handwerk­li­cher Begabung. Und Baumärkte sind für mich ein wahres Wunderland.

In meinem Kosmos würde es dort nur Schlitz­schrauben geben – wozu eine zusätz­liche Kerbe, denke ich so auf theore­ti­scher Ebene? In der richtigen Welt aber kann man Ausweich­schrauben, Flügel­kork­schrauben und sogar Bohrsenk­ge­win­de­schneid­schrauben kaufen, die übrigens als sprach­li­ches Kompo­situm … aber lassen wir das. Wo andere gezielt nach „Gewin­de­ein­sätzen mit 9 Milli­me­tern Flansch-Durch­messer“ fragen, stammele ich unter Zuhil­fe­nahme unbehol­fener Gesten wirres Zeug: Die Schranktür schließe nicht richtig, ich bräuchte so etwas, was magne­tisch ist, jedoch nicht zu sehr, und dazu eine Art Metall­dings als Gegen­stück. Vermut­lich fühlen sich Baumarkt­mit­ar­beiter bei mir wie Ethno­logen während des ersten Kontakts mit einem Stamm, der sich durch Klick­laute verständigt.

Doch auch wenn ich in die Tooms und Hornbachs dieser Welt passe wie Mickie Krause in die Elbphil­har­monie (oder umgekehrt eben Barenboim an den Baller­mann), muss ich anerkennen: Baumärkte haben uns – ganz, ganz weit gegriffen – zivili­sa­to­risch voran­ge­bracht. Denn bis in die Renais­sance hinein gab es nicht „alles in Obi“, sondern ihr Bauma­te­rial brachen die Menschen des Mittel­al­ters schlichtweg aus ungenutzten Palästen und Tempeln der Antike heraus; mit päpst­li­chem Segen etwa wurden Teile aus dem Forum Romanum und dem Colosseum – als sogenannte Spolien – in den Gebäuden des Vatikans wiederverwendet.

Heute sind wir zum Glück weiter. Natürlich käme niemand auf die Idee, mit der Decke der Sixti­ni­schen Kapelle den neuen Busbahnhof in Oer-Erken­schwick zu bedachen. Doch gerade beim Schutz für Gebäude – oder auch Kultur­werke – der jüngeren Vergan­gen­heit fehlt oft die Sensi­bi­lität: „Ist das Kunst oder kann das weg“ ist nämlich nicht nur eine Frage der Perspek­tive, sprich: Natürlich sieht ein Hausmeister (das mit der Putzfrau ist ein Mythos!) beim Anblick eines Fettflecks in der Ecke kein Kunstwerk von Joseph Beuys, sondern vor allem Handlungs­be­darf. Doch nicht selten lässt auch erst der zeitliche Abstand die Form die schiere Funktion überstrahlen.

Deswegen war es klug, sowohl über die Tankstelle am Berliner Ring als auch die Haupt­tri­büne des alten VfL-Stadions einen Denkmal­schutz zu verhängen, denn sie sind in ihrer Gestalt wunder­bare Beispiele für die Archi­tektur der 50er- bezie­hungs­weise 60er-Jahre; und selbst das gerade einmal 1,20 Meter große „Mädchen mit Zöpfen“ kam nicht weg, obwohl es im Weg stand. Schon zu Beginn der Planungen der neuen Wohnbauten im Goethe-Park stand fest: Peter Szaifs Arbeit sollte erhalten bleiben, möglichst an Ort und Stelle, und obendrein in neuem Glanz. Von Februar 2014 an war sie zunächst im Archiv des Kunst­mu­seums einge­la­gert, unter­bro­chen von einem kurzen Aufent­halt in der Werkstatt des bayeri­schen Gussmeis­ters Marc-Andreas Hofmeister, der die Bronze­skulptur im Sommer 2016 von ihrer dato bereits fast 60 Jahre alten Patina befreite. Seit etwas mehr als einem Jahr ist sie nun wieder zurück im Grünen, genauer gesagt: ihrem Grünen und zieht selbst­be­wusst an ihren Zöpfen. Die Bagger sind weg, die Kunst ist geblieben. Mit Blick auf die hiesigen Wohnungs­bau­mam­mut­pro­jekte ist das eine beruhi­gende Botschaft. Nicht nur theoretisch …

Mädchen mit Zöpfen, öffentliche Kunst in Wolfsburg
© J. Guss

Alexander Kales 

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