Von Kasper, Volkspolizisten und Astronauten – Handpuppen im Spiegel der Zeiten

Alles begann mit einer Tüte voll unterschiedlichen Handpuppen, die Brigitte van Lindt 2007 auf einem Flohmarkt gekauft hatte. Seitdem ist die Puppenspielerin und eine der Leiterinnen der wolfsburger figurentheater compagnie eine passionierte Sammlerin, die mittlerweile rund 3.000 Plastik- und Textilhandpuppen ihr Eigen nennt.

Die individuell gestalteten Puppen sind auf Brigitte van Lindts Dachboden nach Themenschwerpunkten deponiert. Die vollständige Sammlung hat sie in Form eines Fotoarchivs mit den jeweiligen Erwerbspreisen und – falls vorhanden – Rahmendaten erfasst. Der Öffentlichkeit präsentiert hat Brigitte van Lindt ihre Sammlung zuletzt 2007 im Rahmen der Installation „Das schräge Puppenhaus“, die anlässlich des 1. Internationalen Figurentheater Festivals in Wolfsburg in Zusammenarbeit mit dem Künstler Eimo Cremer entstand. Die Kollektion an PVC- und textilen Handpuppen aus unterschiedlichen Ländern, die Brigitte van Lindt auf (Internet-)Flohmärkten erwirbt, wächst stetig weiter. Die ältesten Puppen der Sammlung sind über 70 Jahre alt; oftmals lassen sich die Figuren jedoch weder zeitlich noch örtlich zuordnen. Betrachtet man die Sammlung, lassen sich allerdings deutliche Unterschiede in der Gestaltung und generellen Charakterauswahl erkennen.

Zum traditionellen Puppentheater-Ensemble gehört eine Reihe von individuellen menschlichen und tierischen Figuren, wie Gretel, König und Königin, Prinzessin, Teufel und Tod, Polizist, Krokodil und natürlich der Kasper. Dessen Ursprünge reichen im deutschen Raum bis ins 17. Jahrhundert zurück. Handpuppentheater war dabei nicht immer nur kurzweilige Unterhaltung für Kinder. In verschiedensten historischen Epochen richtete es sich mit versteckten politischen Codes auch gezielt an ein erwachsenes Publikum. Was im Alltag oder auch im Personentheater unter Zensur stand, wurde im Kaspertheater – wenngleich teilweise versteckt – thematisiert. Kasper wurde als Sprachrohr der politischen Opposition eingesetzt, gesellschaftliche Missstände wurden angeklagt.

Auch heute noch nehmen historische Ereignisse und gesellschaftliche Strömungen Einfluss auf die Spielzeugindustrie und somit auch den Bereich der Handpuppen. Als Brigitte van Lindt 2007 die Sammelleidenschaft packte, war ihr noch nicht bewusst, wie facettenreich Handpuppen sein können und wie viele Geschichten sie zu erzählen haben.

Mit der Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik unterschiedliche Handpuppen entwickelt. Brigitte van Lindt hat ein großes DDR-Konvolut in ihrer Sammlung. Obwohl das klassische Ensemble aus den gleichen Charakteren besteht, lassen sich deutliche Unterschiede in der Gestaltung erkennen. So sorgte beispielsweise der Volkspolizist auf der Bühne und in den Kinderzimmern für Ordnung.

Als Neil Armstrong 1969 seine ersten Schritte auf dem Mond machte, inspirierte dieses die Welt bewegende Ereignis bald darauf Puppenbildner dazu, Astronauten zu kreieren. Auch politische Persönlichkeiten wie Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Helmut Kohl oder Michail Gorbatschow wurden von den Spielzeugproduzenten*innen aufgegriffen und als Miniaturausgabe gefertigt.

 

Neben historischen Themen und Persönlichkeiten nahmen auch Protagonanisten*innen der Popkultur Einfluss auf die Spielzeugwelt. In Brigitte van Lindts Sammlung befinden sich Karl Mays Winnetou und Old Shatterhand, die Buch- bzw. Filmfigur Heidi, die Mitglieder der Familie Feuerstein, die Peanuts, Popeye und Olivia sowie Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Die individuelle DDR-Popkultur spiegelte sich dabei in ganz eigenen Figuren wider. Dazu gehören vor allem beliebte Charaktere aus dem DDR-Kinderfernsehen wie das Sandmännchen, Pittiplatsch und Schnatterinchen sowie Herr Fuchs und Frau Elster.

Mittlerweile bereichern neben den klassischen Charakteren auch multikulturelle Familien und vielfältige Berufsgruppen die Kinderzimmer. Unser Alltag wird immer bunter und mit ihm Kasper, Gretel & Co.

 

wolfsburger figurentheater compagnie

Die wolfsburger figurentheater compagnie wurde 1990 von den Puppenspielerinnen Brigitte van Lindt und Andrea Haupt gegründet. Seither begeisterten mehr als 50 Inszenierungen kleine und große Zuschauer*innen. Darüber hinaus bietet die wolfsburger figurentheater compagnie Workshops und Puppenbaukurse an. Von 1994 bis 2014 holten Brigitte van Lindt und Andrea Haupt bei den Wolfsburger Figurentheatertagen Puppenspieler*innen aus aller Welt in die Stadt. In diesem Jahr feiert das Figurentheater 30-jähriges Jubiläum, weshalb im September besondere Aktionen für die ganze Familie geplant sind.

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