Wer in die Ferne schweift, zahlt die Zeche

„Warum in die Ferne schweifen?“ ist die schlechtestmögliche Art, einen Text über Naherholungsziele zu beginnen, weil a) das so nahe liegt wie „das Gute“ und b) rhetorische Fragen gleich nach der Ironie die zweitgrößte Ungehörigkeit im Journalismus sind – ist doch so, oder? Trotzdem zitieren Menschen landauf, landab etwas, was Goethe so gar nie geäußert hat und auch niemals hätte. Im Gegenteil: Wäre die Welt damals schon digital gewesen, wäre Schillers Facebook-Timeline voll gewesen mit Goethe-Urlaubs-Selfies: #Italienreise #Campagna #Nofilter. So musste ihn eben Johann Heinrich Wilhelm Tischbein malen, dessen überaus hannöverischer – also über den spitzen Stein stolpernder – Ur-Enkel mal mein Büro-Vermieter war und der auch etwas gegen Schweifen im erweiterten Sinne von „Ausschweifenden Werbeagentur-Partys“ hatte.

Doch zurück zum Grundproblem: Selbst wenn der Satz so dastünde und Goethe ein Stubenhocker gewesen wäre: „Warum in die Ferne schweifen?“ rechtfertigt noch lange nicht, beispielsweise Friedrichstadt zum „Venedig des Nordens“ zu erklären. Ja, ich kann bestätigen: Friedrichstadt hat Wassergräben. Aber es hat keine Gondeln, keinen Dogenpalast und nicht „Harrys Bar“, wo einst der Bellini erfunden wurde. Auf der Habenseite hat Friedrichstadt dafür weniger Tauben, weniger Taschendiebe und keine Restaurants, die japanischen Touristen mal eben 1.100 Euro für vier Portionen Steaks und Muscheln auf den Deckel schreiben.

Ohnehin sollte man sich nicht immerzu vergleichen: den Harz nicht mit den Alpen, Steinhude nicht mit Sylt und Kolumnist nicht mit Menschen, die einem anständigen Beruf nachgehen. Die Ehmer haben sich dagegen von Anfang an in Understatement geübt; vielleicht gar in Tiefstapelei; denn unter dem Wasserturm zogen sich noch vor hundert Jahren die Stollen eines gewaltigen Kalibergwerks durch das Erdreich: „Das Ruhrgebiet des Allertals“ – wurde die Gegend damals dennoch nicht genannt. Auch wenn die Zechenanlage mit ihren Schloten und Hallen das Gesicht der bis dato landwirtschaftlich geprägten Gemeinde ebenso massiv wie rasant veränderte.

Tatsächlich legte damals kaum ein anderes Dorf weit und breit solch einen Industrialisierungssprint hin wie Ehmen: Schon bald nach dem Bergwerks-Spatenstich am 1. April 1899 reihten sich das imposante Ventilatoren- und Kompressorenhaus, die Schachthalle und das Fördermaschinenhaus entlang der Mörser Straße auf nördlicher Seite auf; 1905 folgte eine Fabrik für die Salzverarbeitung und ein Jahr später ein Werk zur Herstellung von Sulfat und Kaliummagnesium. 1.000 Menschen fanden auf der Zeche zu Hochzeiten Arbeit, ehe bereits 1925 aufgrund zunehmender internationaler Konkurrenz endgültig Schicht im Schacht war.

Erstaunlicherweise erinnert baulich aber kaum noch etwas Denkmalwürdiges an die Zeit, als sich hier Fuchs und Hase plötzlich nicht mehr „Gute Nacht“, sondern „Glück auf“ sagten: zum einen die Direktorenvilla, die mit Glasmalerei, Ikonenbildern und fast schon turnhallengleichen Deckenhöhen – wenn auch ganz, ganz leise – den Geist der Krupp’schen Villa Hügel atmet, zum anderen der zum Wahrzeichen gewordene Ehmer Wasserturm: Inzwischen zum Vereinsheim umfunktioniert, lässt sich an seiner Architektur ablesen, dass mit dem Bergbau neben der schieren Industrialisierung auch Wohlstand in der Ortschaft an der Mühlenriede einzog.

Denn der Ehmer Wasserturm war beileibe kein reiner Zweckbau: An allen acht Ecken wird der weiß verputzte Backsteinbau von rotbraunen Kantenquadern in zwei Längen begrenzt. Auf ihnen ruht ein Vorsprung gleichen Materials, auf dem die Kantenquader sich – nun als ebenfalls weiß verputzte Säulen – in Bögen ausformen; ein architektonisch auf den ersten Blick scheinbar bescheidenes, aber höchst charakterbildendes Aufgreifen der ebenfalls bogenförmigen Türgestaltung. Und der obere Turmteil – zum Wetterschutz mit Holz verschalt – ruht auf einem backsteinernen Sims, das wiederum je Seite von neun filigranen, gemauerten, angedeuteten Stelen getragen wird. „Kein anderes Dorf hatte solch ein modernes Bauwerk zu dieser Zeit“, erklären die historischen Quellen außerdem dazu.

Was sie auch andeuten: Der Wasserturm war vermutlich auch Teil des Kompensationsvertrags, den die Betreiber-Gewerkschaft „Einigkeit“ mit den Gemeindevorstehern aushandelte. Jegliche Mehrkosten, die durch ökologische Folgen des Bergbaus, aber auch aufgrund des Bevölkerungswachstums, seien von den Betreibern zu tragen, namentlich unter anderem „Wasserentziehungen und Wasserverschlechterungen“. Auch wenn es nahe liegt: Die Redewendung „Die Zeche zahlen“ leitet sich von diesem Vorgang ebenso wenig ab, wie man aus einem Goethe-Gedicht eine Reiseempfehlung herauslesen kann.

AK