Zu Besuch im Tagestreff Carpe Diem

„Nutze den Tag: er kann der Beginn eines neuen Lebens sein.“ was nach einem platten Poesiealbumspruch klingt, ist im Tages Treff „Carpe Diem“ konkrete Realität. Er ist die Anlaufstelle für wohnungslose und hilfebedürftige Menschen; ein besuch kann in der Tat den Start in ein neues geregeltes Leben bedeuten.

(c) Sebastian Dorbrietz

„Ich bin Alkoholiker, Scheißebauer, Knastbruder, Wolfsburger. Im Sommer saß ich vor deiner Haustür und ging durch deine Straßen, schaute in die Fenster deiner Geschäfte, bewunderte dein Auto und sehnte mich nach dem guten Leben, das ich bei dir vermutete. Ich erinnere mich an das friedliche Gefühl im Wald. Ich dachte, wenn ich saufe, käme es wenigstens in meiner Fantasie wieder. Ich kenne keine Ängste mehr, das macht mir am meisten Angst.“

So schilderte Francesco Schönberg (49) sein Leben für das Theaterprojekt „Wolfsburger Winterreise. Geschichte eines wohnungslosen Mannes aus Wolfsburg“. Es beschreibt sein Leben vor Carpe Diem. Vor Carpe Diem war das große Nichts, war das Leben im Alkoholnebel ertränkt. „Sagen Sie mal, Sie schlafen doch nachts in unserem Treppenhaus, oder? Kommen Sie doch mal auf einen Kaff ee bei uns vorbei. Übrigens: bei uns können Sie auch duschen“, sprach ihn vor acht Jahren eine freundliche Frau an. Zuerst leugnete Francesco, dass er im besagten Treppenhaus bereits wirklich seit einigen Nächten Zufl ucht und Wärme suchte. Es war ihm peinlich. Doch irgendetwas hatte ihn wohl magisch hierhin gezogen. Denn: Francesco übernachtete nicht irgendwo, er hatte sich dafür den Hausflur zum Tagestreff Carpe Diem ausgesucht. Intuition und Wunschdenken mögen dabei eine Rolle gespielt haben.

Einige Zeit nach dem Kaff eeangebot war Francescos Not groß genug. Er tauchte im Carpe Diem auf und ab, immer öfter. Damals vor acht Jahren. Seitdem hat sich sein Leben verändert, ist wieder stabiler geworden. Zuallererst halfen die Mitarbeiter vom Carpe Diem ihm dabei, eine Unterkunft zu finden, klärten seine Finanzen. Heute ist Francesco trocken, hat eine Wohnung, hat Arbeit im VW-Werk – und ist dennoch gern weiterhin Stammgast im Carpe Diem. „Das Carpe Diem war eine Art Rettungsanker, es ist mein zweites Zuhause geworden. Die Leute vom Carpe Diem sind immer für mich da, waren es auch in den Zeiten, in denen ich rückfällig geworden bin“, erzählt Francesco Schönberg. Eine weitere wichtige Konstante hat wieder in sein Leben gefunden: Er hat die Malerei wiederentdeckt, die ihn bereits seit seiner Jugend begleitet.

Francesco Schönbergs Bilder und einige Collagen von gemeinsamen Ausfl ügen machen den Tagestreff bunt und freundlich, geben ihm Charakter. Im Eingangsbereich, im Flur, im Speiseraum – überall sind seine Bilder platziert. Am auff älligsten ist sicherlich eine komplett bemalte Wand, in die der Name des Tagestreffs eingearbeitet ist: Carpe Diem. Auch einige weitere Besucher des Tagestreffs konnte Francesco zum Malen inspirieren. Zu den Angeboten im Rahmen der sogenannten „Sozialen Teilhabe“ gehört auch ein kleiner Kräutergarten. Die Tomaten und Kräuter, die hier wachsen, werden in der Tagestreff-Küche verwendet. „Außerdem besuchen wir alle zwei bis drei Wochen die Autostadt, mit der wir eine Vereinbarung geschlossen haben“, berichtet Dagmar Alphei, die seit zehn Jahren als Sozialarbeiterin beim Tagestreff beschäftigt ist. Einmal im Monat sind die Besucher des Tagestreffs auch in Bokelberge in Müden an der Aller bei der Tierheilpraktikerin Corinna Michelsen zu Gast. Dort versorgen sie die Tiere, bauen beispielsweise Vogelkästen.

Neben diesen Highlights ist für die rund 25 Besucher, die das Carpe Diem täglich aufsuchen, vor allem die Basisversorgung wichtig. „Unsere Waschmaschine ist eigentlich ständig in Betrieb. Auch die persönlichen Gespräche unter vier Augen und das regelmäßige warme Mittagessen, das wir in unserer Küche frisch zubereiten und für einen kleinen Obulus anbieten, werden gern in Anspruch genommen“, erzählt Dagmar Alphei. Einmal monatlich kommen auch zwei Friseurinnen. Eine davon ist Doris Ernst. „Als der Tagestreff vor vier Jahren einen Aufruf startete und Friseure suchte, fühlte ich mich sofort angesprochen. Wenn die Haare ordentlich frisiert sind, fühlt man sich gleich besser. So kann ich ganz einfach hilfebedürftige Menschen unterstützen“, schildert sie ihre Motivation.

(c) Sebastian Dorbrietz

 

2017 ist ein wichtiges Jahr für das Carpe Diem: Im Oktober ist die Einrichtung 25 Jahre alt geworden. Passend dazu stellt das Carpe Diem die Zahl „25“ in den Mittelpunkt des Jubeljahres und nimmt dies zum Anlass, die Aktion „Mahlzeit 25“ zu starten. Sie hat das Ziel, die hauseigene Köchin, über den Sommer 2018 hinaus, weiter zu beschäftigen. Dazu benötigt das Carpe Diem rund 25.000 Euro. „Deshalb möchten wir in den nächsten 25 Wochen mindestens 25 Unternehmen davon überzeugen, uns dabei zu unterstützen, den Zielbetrag zu sammeln. Auch über weitere kreative Ideen und Angebote, die unsere Einrichtung bereichern, freuen wir uns sehr“, erzählt Jasmin Hinze, Leiterin des Carpe Diem. Dem Carpe Diem ist zu wünschen, dass sich diese 25 Unternehmen bald auftun, auch damit Menschen wie Francesco eine Anlaufstelle finden, um wieder zurück in ein geregeltes Leben finden.

SRB

Derzeit arbeiten im Carpe Diem neun ehrenamtliche Helfer. Sie unterstützen in der Küche, schneiden Haare, machen Hauswirtschaftstätigkeiten, stellen Gratis-Frühstück zusammen, übernehmen Kurierleistungen, fotografieren, erledigen Fahrdienste oder helfen bei IT-Fragen. Wenn auch Sie den Tagestreff ehrenamtlich unterstützen wollen, wenden Sie sich an:

Jasmin Hinze
Tagestreff „Carpe Diem“
Poststr. 39
38440 Wolfsburg
Tel. 05361 – 291314

Öffnungszeiten: Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 8.30 Uhr bis 14 Uhr, Mittwoch von 11 bis 14 Uhr.