MTV Vorsfelde

Sound of Silence

Vor gut zehn Jahren nahm der MTV Vorsfelde den Gehör­lo­sen­sport ins Programm. Heute, zehn Jahre später, ist er im allge­meinen Rehasport aufge­gangen. Kein Schritt zurück, sondern einer hin zu gelebter Inklusion.

Wenn Sabine Mikolajek im Kursraum bis zum Anschlag dreht, bleibt es für einige der Teilneh­menden dennoch still; lediglich der Bass ist es, der dann etwas stärker in der Magen­grube kitzelt und die gehör­losen wie auch die hörenden Sportler*innen im Rhythmus hält. Jeden Donnerstag treffen sie sich im Fitness­center des MTV Vorsfelde in der Carl-Grete-Straße, um sich mit Aerobic, Gymnastik, Ballsport und Kräfti­gungs­übungen fit zu halten.

Fit bleiben trotz gesund­heit­li­cher Einschrän­kungen – dafür hat der MTV Vorsfelde seit jeher passende Sport­an­ge­bote im Programm. Und auch wenn Sabine Mikolajek schon viele Menschen mit chroni­schen Erkran­kungen oder Behin­de­rungen trainiert hat: „Mit Gehör­losen zu arbeiten, das war für mich eine ganz neue Erfahrung“, sagt die Sport­leh­rerin. Es verlangt nämlich eine Verän­de­rung und ständige Reflexion der eigenen Kommunikation.

Denn: Die üblichen Kurs-Kommandos, das Einzählen in den Beat und das mündliche Erklären von Abläufen sind wirkungslos. „Da ich selbst keine Gebär­den­sprache beherr­sche, musste ich andere Formen der Ansprache finden“, erklärt die Kurslei­terin. Bewährt hat sich dabei dreierlei: Für Aufmerk­sam­keit sorgt ein taktiles Zeichen, ein kräftiges Stampfen auf den hölzernen Boden. Erläu­te­rungen werden so bewusst artiku­liert, dass den Teilneh­menden ein Lippen­lesen möglich ist – unter­stützt von eindeu­tigen Gesten.

Sich im Kursge­schehen jedes Mal daran zu erinnern, war vor allem am Anfang eine Heraus­for­de­rung“, erinnert sich Sabine Mikolajek. Denn als Trainerin muss sie für die gehör­losen Menschen in ihrem Kurs ständig sichtbar sein, damit diese Gesten, Mimik und Mundbe­we­gungen wahrnehmen können. Sich unter die Teilneh­menden zu mischen und aus der Gruppe heraus Anwei­sungen zu geben: Das geht beim Lungen­sport oder in der Rücken­schule, aber nicht mit Gehör­losen. „Ich habe in den vergan­genen Jahren also selbst viel gelernt – es war für mich Learning by Doing“, betont die Mitar­bei­terin des MTV Vorsfelde.

Beim Brücken­bauen unter­stützte in der Anfangs­zeit noch Renate Tornow als Gebärden-Dolmet­scherin; längst aber sind hörende Trainerin und gehörlose Sportler*innen ein einge­spieltes Team. Aller­dings: Die meisten der Initia­toren des Kurses – zehn Gehörlose überwie­gend aus dem Raum Gifhorn – haben sich aus Alters­gründen vom Gehör­lo­sen­sport abgemeldet. „Momentan sind es noch drei bis vier Frauen und Männer, die regel­mäßig mitmachen“, sagt Sabine Mikolajek.

Auch wenn das für eine eigene Trainings­ein­heit zu wenig Teilneh­mende sind: „Ich wollte unbedingt weiter mit ihnen Sport treiben“, betont die Wolfs­bur­gerin. Zwischen­zeit­lich ist der Gehör­lo­sen­kurs mit dem Rehasport fusio­niert worden. „Das finde ich einer­seits schade, anderer­seits ist es aber auch ein wichtiges Signal“, so Sabine Mikolajek. Denn dass Menschen mit und ohne Behin­de­rung gemeinsam Sport machen, ist gelebte Inklusion – und es gibt den Hörenden im Kursraum die Chance, sich dem eigenen Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten bewusster zu werden.

Alexander Kales

MTV 1862 e. V. Vorsfelde
Carl-Grete-Straße 41
38448 Wolfsburg.

Telefon: 05363–71346
Mail: info@mtv-vorsfelde.de

Ausgabe 10, DEIN WOLFSBURG, 2019

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