Hühner in Massentierhaltung

Rettet das Huhn

Die Hühner-Retter

Um etwas gegen das Leid von Hühnern in Indus­trie­ställen zu tun, holt ein gemein­nüt­ziger Verein jedes Jahr Tausende Tiere aus den Betrieben und bringt sie zu Adoptanten in ganz Deutsch­land. Gegründet wurde „Rettet das Huhn e. V.“ von einer Wolfsburgerin.

Irmgard sieht jetzt nervöser aus als sonst: Sie bekommt gerade ihren Verband abgenommen, den sie wegen ihres gebro­chenen Beins tragen musste. Irmgard ist ein Huhn, eines von bis zu 14.000, die der Wolfs­burger Verein „Rettet das Huhn“ jedes Jahr deutsch­land­weit aus der Massen­tier­hal­tung holt und sie zu tierlieben Adoptanten bringt, die sich um sie kümmern.

So wie Jessica aus Mörse, die Irmgard und fünf weiteren Hühnern bei sich im Garten ein neues Zuhause gegeben hat. Und auch mit ihnen zu einem spezi­ellen Tierarzt nach Hannover fährt, wenn es sein muss. „Das ist kurz nach der Abholung aus den Indus­trie­ställen recht häufig der Fall“, berichtet Jessica. „Denn die Hühner in der Massen­tier­hal­tung sind völlig überzüchtet, daher anfäl­liger. Zudem werden sie in den Betrieben nicht versorgt, wenn sie etwas haben. Aus Kosten­gründen werden sie sich selbst überlassen.“ Das war auch bei Irmgard der Fall, die sich vor ihrer Abholung vermut­lich über Wochen, wenn nicht Monate mit dem gebro­chenen Bein herum­quälte. Bis sie schließ­lich in die Obhut von Jessica kam. „Ich hatte Platz im Garten und wollte etwas gegen das Leid der Tiere tun.“

Stefanie, Irmgard und Jessica © T. Kuske

Denn die Zustände in den Indus­trie­ställen seien unerträg­lich, selbst wenn es als Freiland­hal­tung dekla­riert werde. „Das ist Augen­wi­scherei“, sagt Jessica. „Auch dort haben die Hühner viel zu wenig Platz: Auf einen Quadrat­meter kommen neun Tiere. In Ställen mit Gitte­r­e­tagen sind es sogar 18 Hühner.“ Die Flächen für den Auslauf würden nicht helfen, da sich die Hühner instinktiv nicht aus dem als sicher empfun­denen, weil überdachten Stall heraustrauen.

Die werden wie Abfall behandelt

Und wenn doch, dann würden sie sich ängstlich an die Außenwand des Stalls drücken. Ein weiteres Problem: In der Massen­tier­hal­tung können Hühner keine Rangord­nung aufbauen, wodurch sie im Dauer­stress sind und sich häufig gegen­seitig verletzen. Es kommt sogar zu Kanni­ba­lismus. Auch deswegen lässt die Legeleis­tung nach rund einein­halb Jahren nach – die Tiere sind von den Zuständen ausge­laugt. Nach spätes­tens 17 Monaten wird jede der rund 42,5 Millionen Legehennen in Deutsch­land gegen eine neue getauscht. Die alten Hennen werden geschlachtet oder kommen in den Müll. „Die werden wie Abfall behandelt, das ist brutal, weil wegen des Kosten­drucks alles schnell gehen muss“, berichtet die erste Vorsit­zende von „Rettet das Huhn“, Stefanie Laab, von einem Besuch in einem Legehennen-Betrieb.

Stefanie gründete 2015 den Verein mit Gleich­ge­sinnten, nachdem sie drei Jahre zuvor einen Aufruf im Internet gesehen hatte, wo Helfer für die Rettung von Legehennen gesucht wurden. „Ich hatte schon von klein auf Hunde und Katzen aus dem Tierheim und war auch früh mit Hühnern vertraut, weil meine Eltern und Großel­tern welche hatten“, erklärt Stefanie ihre Tierliebe. Die gebürtige Wolfs­bur­gerin hat bei sich im weitläu­figen Garten 26 Hühner aufge­nommen. Gut mit Maschen­draht umzäunt, auch von oben zum Schutz vor Raubvö­geln und ‑tieren.

So viele Hühner können von den deutsch­land­weit 45 Vereins­mit­glie­dern auch nicht umsorgt werden, denn jedes Huhn sollte jeweils rund 10 qm Freifläche allein für sich zur Verfügung haben. „Wir würden gern noch mehr Hühner aus den Betrieben holen, haben dafür aber keine Kapazi­täten mehr“, sagt Stefanie. Es komme immer wieder vor, dass sie angebo­tene Hühner ablehnen müssten. Das steht im starken Kontrast zur Anfangs­zeit von „Rettet das Huhn e. V.“: „Zuerst war es schwer, Betriebe zu überreden, dass wir deren ausge­diente Hennen abholen dürfen. Das ist mittler­weile nicht mehr so.“

Auch wenn die Hürden zum Start gemeis­tert wurden, kostet die Vereins­ar­beit weiterhin viel Zeit und Energie: „Das ist wie eine kleine Firma. Die gesamte Freizeit geht dafür drauf“, sagt die Grund­schul­leh­rerin Stefanie. Neben einer ordent­li­chen Buchfüh­rung, Spenden­ak­qui­rie­rung, Öffent­lich­keits­ar­beit und der Organi­sa­tion der Hühner-Abhol-Aktionen müssen die vielen Adoptanten, die Hühner bei sich aufge­nommen haben, beraten und betreut werden. In Ausnah­me­fällen werden auch die Kosten für den Tierarzt übernommen. „Wenn sich zum Beispiel sogenannte Schich­teier als Folge von Entzün­dungen im Legedarm bilden, kann das schon mal teurer werden.“

Norma­ler­weise ist der finan­zi­elle Aufwand für übernom­mene Hühner aber überschaubar. Neben einem sicheren Stall und Auslauf braucht man nur geeig­netes Futter. Hin und wieder kann man den Hühnern auch ihre eigenen Eier füttern. „Das ist für sie eine Delika­tesse“, sagt Jessica, die gerade zufrieden beobachtet, wie ihre Irmgard nach Abnahme des Verbands offen­sicht­lich beschwer­de­frei hinter ihr hergeht. „Hühner sind sehr menschen­be­zogen. Die folgen einem überall hin und begrüßen uns morgens mit Lauten, die fast wie ein Singen klingen. Das macht schon Spaß mit ihnen.“ Ihr zweijäh­riger Sohn Hektor kommt ebenfalls gut mit den Hühnern klar. Mit manchen könne er auch kuscheln, sagt Jessica. Am liebsten würde sie zu den sechs Hennen noch einen Hahn dazu nehmen. Vorher will sie aber mit den Nachbarn reden: Im Gegensatz zu Hennen kräht so ein Hahn schließ­lich gerne mal lauthals.

Tobias Kuske

Infobox:

Der Verein „Rettet das Huhn“ sucht laufend Menschen, die bei sich Hühner aufnehmen oder die die Paten­schaft für ein Huhn übernehmen (ab 5 Euro pro Monat). Spenden sind ebenfalls überaus willkommen, um die Kosten für Tierärzte, Futter und das Abholen aus den Indus­trie­ställen bezahlen zu können.

Gespendet werden kann über Paypal an pp.rettetdashuhn@gmail.com oder über das Spenden­konto von „Rettet das Huhn e. V.“: IBAN: DE80 4605 0001 0001 2700 40 (BIC: WELADED1SIE), Sparkasse Siegen.

Weitere Infos: www.rettetdashuhn.de

(Ausgabe 14, Winter 2021)

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